Alles so schön grün hier…

“Komm doch zum Business-Festivial”, sagt die Agenturfrau. „Da geht es um Innovation und Digitalisierung. Ich schicke dir eine Einladung. Ganz viel Austausch mit anderen!“ Toll, denke ich, Austausch, immer gut. Es ist heiß in Berlin und ich schlendere auf das Gebäude in der Falckensteinstraße zu. Mehr Kreuzberg geht nicht. Wrangelkiez, direkt an der Oberbaumbrücke. Wo in den 80ern die Alternative Szene tobte, machen sich nun Werbeagenturen breit. So heißen sie aber nicht mehr, sondern User-Centricity oder Experience- oder Innovation-Agencies, oder Digital-Strategy-Experts. Aber eigentlich verkaufen sie sehr großen und sehr bekannten Firmen Werbung, die aber jetzt Vision oder Purpose heißt und sehr kundenzentriert ist. Alles muss jetzt Purpose haben. Ich bin ein großer Freund von Purpose und Visionen, innovativen Ansätzen, von Nachhaltigkeit, philosophischen, athroposophischen Zukunftsfragen und Kundenfokus, mir dämmert aber so langsam das große Geschäft hinter der neuen, digitalen Purpose-Welt.

Das weiße Gebäude ist mit Graffiti besprüht. Aber anderes Graffiti als die runter gekommenen Nebengebäude. Ordentliches Graffiti eben. Solches, das auch VW-Manager ertragen können. “Strategen, Marketers (sic!), Digitalisierer, Innovatoren”, das sind die Target-Groups des Festivals. Und von denen sind etwa zweihundert da von VW, Porsche, Siemens, Daimler, Audi, McDonalds, der Bahn, von Beiersdorf und Vattenfall und anderen große Brands.

Den Weg zur „Location“ pflastern abwechselnd zwei auf die Bürgersteige gesprayte Sprüche: „Denkst du?“ Glaubst Du? „Denkst Du?“ Glaubst du?“ Diese Fragen muss ich mir gleich hundertfach stellen, bevor ich die Stufen zum Eingang erklimme. Invitation Only! Das „Business Festival für glückliche Menschen“, steht auf dem Flyer. Eine Freundin lästert, wie sie sich das vorzustellen habe: „Singende Manager“? Ich schreibe zurück, es sei halt ein alternatives Festival, ich würde sowas mögen. Nach zehn Minuten wünsche ich mir die singenden Manager herbei!

Das Gebäude sieht aus wie der Kindergeburtstag unseres Sohnes – allerdings hoch zwanzig! Es ist von oben bis unten mit bunten Stoffstreifen dekoriert. Feelgood-Atmo, Hand-Made, mit Liebe gemacht. Pinterest meets Bullerbü, ein hoch auf die Experience! Als reiche das noch nicht, wurde das gesamte Gebäude von Innen in ein alternatives Aktionskunstwerk verwandelt. Ich erfahre, dass so ein Business-Festival von den Machern auch nicht mehr organisiert, sondern kuratiert wird. Überall hängen selbstgemachte Plakate mit Sprüchen drauf: “Kampf den Utopien“, “Humans are not the solution“, “Team Unvernunft“. Alles ist zugekleistert mit Gesinnungssprüchen: “Halb meh, halb Molotov”, “Ich glaube an einen neuen Glauben“ und immer wieder David Bowie quotes: „Speak in extremes – it’ll save you time“. Es soll wach- und aufrütteln, zum Diskurs anregen, kantig sein, nudgen, punk, kreativ, wild. Ich übe mich in Ambiguitätstoleranz während die Google-Frau und die Foster + Partners-Mitarbeiterin unisono die Meinung vertreten, Geld spiele keine Rolle für die Gestaltung schöner Räume und dabei auf einer knallgelben Barcelona-Couch von Mies van der Rohe sitzen. Aber immerhin in Kreuzberg, im Atelier-Loft, mit bisschen Sperrmüll drin, puh, Glück gehabt.

Aus dem Kühlschrank schnappe ich mir eine schnöde Cola und stelle mich auf dem Balkon. Natürlich machen die hier auch Guerilla Gardening. Auf dem Rooftop, mit Sonnenblumen und Kräutern. Zu mir gesellt sich eine Frau von Heidelberg-Druck. „The Lighthouse of…“, na, irgendwas mit Digitalisierung. Das ist deren Vision, erfahre ich, so ungefähr zumindest. Ich nicke. Sie sagt, die klassischen Werbebroschüren und Plakate, das ginge alles zurück. Aber im Konsumgüterbereich, da sei noch viel Wachstumspotenzial. „Die Leute kaufen immer mehr. Die Produkte werden immer vielfältiger, der Verpackungmarkt brummt.“ Ich nicke und blicke nachdenklich auf die „Little Lights“, von Olafur Eliasson, die hier neben den Bullerbü Fähnchen gleich zu mehreren Dutzend dekorativ am Geländer baumeln. Alles so schön grün hier.

„Zeitgeistfestival“ nennen die Macher ihre Veranstaltung und irgendwie versucht man sich an philosophischen Fragen für eine bessere Welt. Ich blättere den Folder auseinander. Man will die gesellschaftlichen Grenzen überwinden und für Dialog sorgen, zwischen den „Coolen“ und dem „Mainstream“. Selbst die Werber scheinen zwischen ihren ganzen Plakaten auf Sinnsuche zu sein. In diesem ganzen zugekleisterten Gesinnungswirrwar erkenne ich zwar überhaupt keinen Sinn, aber immerhin, so das Fazit der Broschüre: Man will glücklich werden! Toll. Und man will mit dem Festival schaffen, „die zu werden, die wir sein wollen“.

Die SZ ist mit ihrem „Brand Studio“ auch da und hilft den Werbern und Unternehmen dabei, so zu werden, wie sie sein wollen. Sie sponsert das ganze und hat hier ein “Wohnzimmer” eingerichtet, das mich ein bisschen an den Treffpunkt der „Linken Front“ des ASTA früher, in den 90ern, an der Uni erinnert. Total alternativ, nur hier jetzt in hip mit Nike-Sneakern in weiß. Und ganz viele Speaker hat die SZ auch im Schlepptau, die in ihrem ASTA-Look-Alike Wohnzimmer, mit Themen wie „Wie macht man Vernunft sexy?“ „Deep-Dive“ machen und „Modern Talking“. Danach gibt es „Apero Rezeption“ auf „Dachterrassen Delight“. Berlin wird immer seltsamer denke ich. Am Vortag hörte ich in Mitte jemanden neben mir telefonieren: „Mach dir keinen Stress Alter, don’t apologize for being awesome!“

Es wird viel “awesomes” geredet, auf diesem Festival. Von Haltung und Werten und wie wichtig das sei, gerade im Zeitalter der Digitalisierung: Vision. Mission. Purpose, Values. In jedem Vortrag werde ich zum Perspektivwechsel aufgefordert und “People first“. Und dann benutzen die Werber sehr viel das Fuck-Wort, was aus den Mündern von Ü50-Männern mit Hornbrillen, Sakko, aufgekrempeltem Hemd, und nach hinten gegelten Haaren so rein haltungsmäßig ein bisschen albern wirkt.

Und dann endlich dürfen die jungen “Organizer“ auf die Bühne: „Geht’s euch allen gut?“ rufen sie fröhlich durchs Mikro. Der Saal, Atelier eines Werbefotografen, jauchzt auf: „Jaaaa!“ Alle happy! Toll. Business-Festival. Sonne, Cola, Sitzhocker, Ingwerbällchen, Poka-Bowls, Spree. Supi! „Wer von euch ist in einer Partei?“ Ein paar zeigen auf, inklusive ich. Besonders wohl fühle ich mich bei diesem Zeitgeist-Gesinnungstest nicht. „Wer von euch hat bei der letzten Wahl nicht CDU, SPD oder FDP gewählt“, fast alle Hände fliegen nach oben. Die Moderatoren jauchzen vor Freude. „Wer von euch hat einen Plan für die Zukunft?“ 90 Prozent der Hände gehen nach oben. „Yeah!“ Die Kuratoren strahlen. „Wer von euch hat in letzter Zeit sein Verhalten verändert, um seinen persönlichen CO2-Ausstoß zu verringern?“ Ein paar Hände winden sich zögerlich in der Luft, aber leider nicht mehr so viele. „Wer ist Vegetarier?“ Fünf Leute zeigen auf. „Wer isst vegan?“ Eine Hand. “Wer glaubt, dass die Unternehmen politisch sein sollten?“ Nun fliegen wieder fast alle Hände hoch. „Yeah!“ Die Werber sind glücklich und haben nach dieser ideologischen Gruppentherapie eine Ahnung von dem, wie sie sein wollen. Alle happy, außer ich. Aber egal, ich muss dieser “Trust and Love“-Community nicht “belongen“.

Der nächste Tag. Die Redner sagen, “Wirtschaft soll romantisch werden“. Die Weltlage wird heruntergebrochen auf Alexa, Libra, Greta. Es geht weiter mit Armut, Depressionen, Angststörungen und menschlicher Ohnmacht. Mir wird ganz schwindelig. Als Gegenprogramm wird Schönheit zur Maxime erklärt, Verlieren zum neuen Gewinnen und Spiritualität statt Humanismus prognostiziert, der kurzerhand zum Irrweg erklärt wird. Aber hey, Humanismus als Looser, nach der Logik doch der neue Winner?! Wir sollten uns an japanischen Tierreligionen ein Beispiel nehmen, auch die Firmen! Danach werden “Räume zu Persönlichkeiten”, die mit den Bewohnern interagieren. Und google hat das natürlich alles schon in der Mache und zeigt mir ein pastellfarbendes, nach Blumen duftendes Frauenbüro mit rosa Stühlen – in dem den ganzen Tag vermutlich Norah Jones läuft. Oh heilige Dystopie!

Jetzt kommt die Band. Endlich. Es wird gesungen! Keine Manager, aber Kreative. Statt “I did it my way“, kommt was Selbstgereimtes “l want your ugly, I want your love, I want your romance” Na, darauf können wir uns immerhin einigen, so rein purposemäßig. Liebe, immer gut. Danke Festival, danke Kreuzberg. “War voll befreiend“, sagt die Festival-Kuratorin und erkennt, dass wir Gäste eigentlich nur rumsitzen, essen, hashtaggen und zuhören dürfen, ich habe kaum eine Diskussionsrunde erlebt. Gespräche mit den Agenturleuten, ja klar. Und ein paar Werbepräsentationen. Am Ende doch irgendwie schnödes Akquisebizz hier beim Festival der glücklichen Menschen, aber mit ganz viel Liebe und Romantik und Usertracking und Algorithmen. Na denn…

3 Gedanken zu “Alles so schön grün hier…

  1. Sehr geile Beschreibung, ich kannst mir lebhaft vorstellen. Meine letzten „business events“ waren zwar nicht ganz so bunt und purposeful, aber gingen in die gleiche Richtung… Solange man das Ganze aus Jobgründen nicht ernst nehmen muss, ist es doch zumindest ein entspannter Urlaub vom Büro.

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