Well, auf Reisen überkommt mich bekanntlich die Schreiblust und Doppelwell, in London einmal mehr ganz besonders.

Von Flygskam ist nichts zu spüren, in London, im Sommer. Tausende von Touristen schieben ihre schwitzenden Leiber durch die Metropole. Es ist voll, es ist eng, aber auf sonderbar friedliche Weise gliedern sich alle ein in die dahin fließenden Bewegungsströme der Pedestrians. Kein Gemecker, kein Gestöhne, kein lautes oder harsches Wort. Pedestrians in London sind das Anti-Twitter und genießen Sonderstatus. Unbehelligt von surrenden Vehikeln, die einem in anderen Städten um die Füße brausen, flanieren wir an der Themse entlang und selbst im Naherholungsgebiet in Hampstead Heath sind die meisten und zugleich schönsten Wege für Radfahrer verboten, welch Wohltat! Ab jetzt bin ich German, European and Pedestrian! Dass ich finde, dass „Pedestrian“ irgendwie bisschen versaut klingt, liegt vermutlich an meiner für London gewählten Urlaubslektüre „M“, die ich drei Tage zuvor in der münsterländischen Dorfbuchhandlung mit den Worten „soll ein bisschen schlüpfrig sein“ abholte. „M“ entpuppt sich bereits ab Seite fünf als saftiger Porno, auf dem aber aber brav „Roman“ steht und den Ijoma Mangold neulich im Baden-Badener Lesenswert-Quartett empfahl. Daraus vorlesen durfte er nicht, Gastgeber Dennis Scheck wusste warum.

Statt sexy Schlüpfrigkeit, Food- oder Beer-Porn steht für uns in London Kinderprogramm auf dem Plan. Aber auch das lässt sich nicht minder aufregend gestalten. Immerhin sind wir so gut vorbereitet, dass wir unsere kleinen Söhnchen zu allerlei Crime und anderen Kuriositäten hinschleppen, wie dem Dead Man’s Hole am nördlichen Ende der Tower Bridge. Hier unten im Hohlraum fischte man mit langen Stangen die angetriebenen Wasserleichen aus der Themse. Oh herrliche Schaurigkeit allenthalben: Aufgespießte, blutüberströmte Köpfe über dem Eingang des Experience-Kellers unter der London-Bridge, verschrumpelte ägyptischen Mumien im British Museum, die man im Museumsshop als Kuschelmumie kaufen kann, die vielen Skelette in Käfigen an Kneipen, okkulte Buchhandlungen und bizarre Harry-Potter-Schauplätze, um die kleine Asiatinnen in schwarzen Kittelchen und Zauberstab in den Händen mit irrem Blick kichernd herum huschen! Die Kinder sind vor lauter Grusel halb besoffen. Die offene Halle unten am Fuße der Tower Bridge ist komplett gekachelt, weil der eine oder andere aufgegabelte und stark aufgequollenen Kandidat auch mal explodieren konnte. „M“ go home! Gleich dreimal fragen die Kinder nach, warum die Halle gekachelt sei. Sandwich anyone?

Die Stadt ist eine lebende Wunderkammer! Eine Wolke aus Seifenblasen begrüßt die Kinder im weltgrößten Spielwarenladen “Hamley’s”. In bunter Jahrmarktatmosphäre präsentieren ihnen lustig verkleidete Verkäufer riesige, künstliche Kaugummiblasen (“magic”), echt fliegende Lichtschwerter (noch mehr “magic”), Umhänge, die unsichtbar machen können (super “magic”, mit app) und von Finger zu Finger hüpfende Irrlichter. Während ein offenbar indischstämmiger Verkäufer unseren Kindern bei “Harrods” Wasser auf ein weißes Pülverchen in ihren zu einer Schale geformten Händen kippt, um daraus Schnee zu machen, erinnere ich mich an früher. Bildungsbürgerkinder brachten exotische Erlebnisse und Erzählungen aus den Ferien mit und trugen danach wochenlang coole „Hard Rock“-Cafe Shirts. Ich dagegen zählte im Sparkassen-Haus im Sauerland Glühwürmchen und baute aus Tannenzweigen Kussbuden für mich und die anderen Sparkassenangestellen-Kinder. „You can see, it’s magic!“ lobpreist der Inder mit warmer Stimme sein Zauberpulver. Die Kinder sind außer sich vor Begeisterung! Schnee im Sommer! Das ist Weltstadt! Nur schmelzen will er nicht, der Kunststoffschnee und abschlecken kann man ihn auch nicht, ohne wie ein zugekokster Vollidiot auszusehen.

Wir wohnen in einem kleinen Souterrain Appartement in Notting Hill, an einem der Crescents, dieser halbmondförmigen Straßen, mit den riesigen Gemeinschaftsgärten hinter dem Haus wie man sie aus dem gleichnamigen Film kennt. Im Schnitt kostet eines der adrett sanierten Reihenhäuser fünf Millionen Pfund und ich verspüre den spontanen Impuls Lotto zu spielen. In einige der Häuser kann man von der Gartenseite aus durch die angebauten Wintergärten hineinblicken. Als bekennende Wohnungsvoyeuristin lasse ich mir das nicht entgehen: Rich Peoples Interiors, toll. Die stylishen Mini-Gärtchen hinter den Häusern kenne ich von Pinterest, Rubrik “Backyard Gardens”. Überall hämmert und klopft es. Während die Besitzer laut „London Luxury Magazine“ vermutlich auf den Malediven oder Sychellen „escapen“ oder im ersten “Magic Mushroom Resort” (schon wieder “magic”) in der Nähe von Amsterdam retreaten, werden ihre Häuser renoviert.

Ich schnappe mir allerlei kostenlose Magazine, die überall herumliegen und lerne einiges über die Trends und Vorlieben der Londoner in 2019: Braingasms für ASMR-Cryptopornography-Hörfetischisten beim Suppeschlürfen, Nudism everywhere (demonstrierend auf dem Bike, im Urlaub bei Naturist BnB, tanzend im Body Love Sketch Club und entspannend beim „The Naked Podcast“) und den It-Drink Negroni, den es in der Vintage-Form, das heißt mit über dreißig Jahre alten Zutaten, in der American Bar des Savoy gibt, für 150 Pfund. Heureka, denke ich, aus den Alkoholbeständen meiner Schwiegereltern ließe sich ein Vermögen schlagen! Außerdem lieben die Londoner „Spritz“, gleichwohl anderen als „M“: “Containing the holy trinity of bubbles, something a little stronger and lots of ice, there’s a reason the spritz is the cocktail of summer 2019”. Der klassische Aperol-Spritz ist ihnen allerdings zu fad geworden, sie mixen es sich selbst, in den verrücktesten Varianten: Cognac und Cider, Mezcal und Sekforde, Vodka mit Soda, Eiklar und Orange Blossom. Wer indes nicht selber mixen möchte, geht ins Barbican und lässt sich dort im Mezzanine floor einen Drink von den zwei Makr Shakr Robotern twisten. Modisch finde ich indes nicht viel neues in der Metropole, außer hübsch offenherzig präsentierte Dekolletees und weite Maxikleider mit exzentrisch-opulent floralen Mustern im angesagten Bohemian-Style, fantastic!

Die Portobello Road ist unsere Hood und damit sind wir gewissermaßen Nachbarn von Julia und Hugh. Als solche ignorieren wir die blaue Tür und den Bookshop geflissentlich und machen vom Acklam Village Market und in Honest Jon’s pittoresquem Plattenladen auch keine Insta Fotos, sondern stöbern interessiert in der Reggae Auswahl, obwohl wir Reggae gar nicht mögen. Leider durchkreuzen unsere banksyverrückten Kinder den assimilierten Kensington-Lifestyle und wir müssen die Tarnung aufgeben, um in der angrenzenden Graffiti-Galerie tourimäßig nachzufragen, wo denn hier der echte Banksy versteckt ist. Enerviert deutet die Galeristin nach links. Doch der Banksy ist aufgrund von Bauarbeiten verbarrikadiert. Enttäuscht blicken die Kinder auf die Abbildung im Reiseführer.

Als Erholung von dem Banksy-Erlebnis retreaten die Kinder (später in Camden entdecken wir noch einen) bei einer Partie Riesenschach im Holland Park. Ihr Gegner, ein etwa sechsjähriger, schmächtiger Engländer, kaum doppelt so groß wie die Figuren, spielt sportlich angriffslustig. Als unsere Söhnchen ihn nach sieben Zügen Schach setzen, ändert the little Britain kurzerhand die Regeln. Das ginge nicht, sie würden ja gegen ihn spielen, nicht gegen den König: „No that’s not possible. They check me, not the king!“ Ich sage, „ah, is that another rule?“, der Knirps nickt energisch, ich denke „äh? Really?“, aber weil wir Germans hier schon genug Unheil angerichtet haben und zwei gegen einen (halben) unfair ist, lassen wir ihn ganz sportsmännisch gewinnen.

Danach schauen wir bei Jimmy Page und Robbie Williams vorbei. Die sind gewissermaßen ebenfalls Nachbarn von uns, wohnen aber auch direkt nebeneinander und haben gerade mächtig Beef miteinander, weil der Robbie unterm Haus einen großen Fitness-Keller buddeln will, was der Jimmy aber ziemlich ätzend findet, weil er sein geschichtsträchtiges “Tower House” vom Einsturz bedroht sieht. Und als wir an dem personifizierten Gartenzaunzwist vorbeispazieren, stellt der Jimmy im Eingangsbereich seinen Rasensprenger um, zumindest glauben wir, dass es der Jimmy ist.

Beef gibt es auch bei uns im Garten, zwischen den vielen, teuren Rassekatzen, die sich untereinander fies die Augen auskratzen. Darüber geraten schon die Nachbarn in Streit, der lautstark im Flur austragen wird. Während unsere Kinder die Reviere der vor Angst zitternden Kätzchen erkunden, entdecke ich ein neues frivoles London-Hobby: Plant-Porn! Beglückt stellen mein Mann und ich die völlige Abwesenheit von Schottergärten fest und erregter als von “M”s Dauerorgien, erspähe ich in den hübsch angelegten Vorgärten und vielen Parks mir völlig unbekannte Pflanzenarten in derart umwerfenden Arrangements, dass ich mir spontan eine Pflanzenbestimmungs-App herunter lade. Fortan durchstreife ich London als Pflanzen-Sherlock-Holmes: Natterwurz, Wilde Karde, Montbretie, Mexikanische Orangenblume, mein Lieblingsgewächs ist die Fatsia Japonica. Die Plant-Community gerät schon nach wenigen Impressionen meiner unverhüllten Blüten und umschlungenen Blätter in wilde Ekstase.

Neben ihren Gärten, Parks und ihren Tieren lieben die Londoner vor allem das Theater und es wird alles gnadenlos “vermusicalt”. “Joseph”, “Jamie”, “Matilda” even “The very hungry caterpillar”. Comedy, Cabaret, Voguing, Posing, Drag-Shows – so vielfältig wie die Pflanzenwelt, wie einfach alles in London, London IST Überfluss (und selbst das, was in der Stadt rumsteht und ihnen nicht gehört, wie die Figuren des Parthenon-Tempels, behalten sie einfach deswegen), so vielfältig ist auch das Nachtleben. Reichhaltig und nicht minder sexy als Berlin – aber dazu ein anderes mal. Für meinen nächsten Londontrip nehme ich jedenfalls den Geheimtipp von “Sink the Pink”-Star Glyn Fussel mit: “Wenn du eine echte Londoner Nacht erleben möchtest, wie du sie noch nie zuvor gesehen hast, dann trag drag. Erst als ich anfing, mich zu verkleiden, sah ich das echte London: schäbig, schmutzig und tropfend vor Heiterkeit.”

2 Gedanken zu “London – ein Reisebericht

  1. Moin Ute!

    Herrlich! Ich habe mich gar königlich (oder doch eher „queenish“) über Deinen Reisebericht amüsiert. Vielen Dank!

    Übrigens: In meiner Kindheit war das mega-mäßigste „magic“ das Gimmick aus dem Y-Heft! So ändern sich die Zeiten…!

    Gruß
    Andreas

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