Was war ihre Rettung?

Essays, Kolumnen

Hinten im ZEITmagazin gab es vor einiger Zeit diese Rubrik: „Was war ihre Rettung?“ Ich hab das immer gelesen. Jetzt stehen da Interviews mit Psychologen, die lese ich auch immer. Zum Beispiel über Ehe-Stellvertreter-Streits an der Spülmaschine. Haben wir natürlich auch, mein Mann und ich, die Stellvertreter-Spülmaschinenstreits – wer nicht?Aber die Frage: „Was war ihre Rettung“ hat sich tief eingebrannt in mein Gedächtnis. Nun gehöre ich zu den glücklichen Menschen, die bislang von Schicksalsschlägen verschont geblieben sind, so dass meine Rettungen eher im Kleinen liegen. Zum Beispiel ein Bierchen am Abend kann eine prima Rettung von einem richtig blöden Arbeitstag sein, oder die Betrachtung einer schönen Skulptur, wie den Schadow Schwestern in der Alten Nationalgalerie in Berlin, Rettung vor allem Hässlichen der Welt, oder meine zwei witzigen Freundinnen, die mich immer wieder retten, einfach weil sie da sind und viel Quatsch machen, wenns mir mal nicht so gut geht, und einfach so sind wie sie sind. Oder mein tollster und bester Ehemann der Welt, der einfach immer da ist, wenn es mir nicht so gut geht. Meine Rettungen sind so gesehen aber eher „Rettüngchen“.



Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer berühmten amerikanischen Psychologin, die in ihrer Kindheit ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hat und durch ihre innere Stabilität trotzdem ein glücklicher Mensch geworden ist. Das fand ich berührend und hat mich tief beeindruckt. Ich kenne diese Konzepte der Resilienz und Salutogenese und überlege schon, was ich tun kann, um ausgeglichen zu bleiben. Trotzdem schützt das natürlich nicht davor, in größere und kleinere psychische Schieflagen hinein zu schlittern. Gerade jetzt in der Corona-Zeit. Man muss auf sich aufpassen, so ist das! Man muss sich im Prinzip selber retten können, oder sich kleine Rettungsanker basteln. Rettungskrücken nenne ich das. Wenn man mich also fragte: „Was IST aktuell ihre Rettung“ so sage ich es frei heraus: „Only Murders in the building!“ Die Serie!

Der Mann findet das erst nicht so gut, diese Aussage, dabei empfinden wir das ehrlicherweise gerade alle so, der Mann, ich, und auch die Kinder. Das liegt weniger an unserem Familienleben, sondern vielmehr daran, dass diese Serie so unglaublich gut ist, dass sie uns so ein dermaßen wonniges Wohlgefühl vermittelt, dass wir danach alle direkt gute Laune bekommen und Bäume ausreißen oder lustige Bücher schreiben könnten! Dabei ist die Serie gar nicht mal nur lustig, heute war sie sehr traurig und melancholisch. Aber genau das ist es. Diese lebensnahe Mischung aus Eigensinn, Wahnsinn, Vertrauen können, Witz, Neugierde, Melancholie, Einsamkeit, Alter, Jungsein, Vergangenheit, Abenteuerlust, Humor, Geschichten, Leben am Abgrund, Unsicherheit, Musik und Interesse am anderen, die sie so besonders für uns macht. Ganz abgesehen davon spielt sie in New York und ist in schönster „The New Yorker“-Optik gedreht, inklusive der Schriftart des Titels! Toll! (Den New Yorker haben wir natürlich im Abo, auch sehr gesundheitsfördernd, allein die Cover auf dem Esstisch schon) Und es spielen schrullige Alte mit (Steve Martin und Martin Short, ah und Selena Gomez – auch ziemlich sehenswert, allein der Stimme wegen schon!) und spätestens seit Fran Lebowitz lieben wir schrullige alte New Yorker.

Was die Serie aber vermutlich zum aller, aller Besonderen macht: Sie kommt nur einmal in der Woche! Und zwar genau am Dienstag! Man kann kein Binge-Watching machen! Man muss wieder warten, wie früher auf ein Colt für alle Fälle oder die Wiecherts von Nebenan! Und eine Woche wird verdammt lang, bei dieser ganzen verdammten Mörder-Warterei. Manchmal gucken wir dann die erste oder zweite Folge zum dritten Mal, oder ziehen uns heimlich nochmal den Trailer rein. Tja, so ist das, und weil mir jetzt kein guter Schluss einfällt, gehe ich in den Keller, Disco-Tischtennis spielen, das ist übrigens auch ne‘ Mega-Rettung und soll dazu noch vor Alzheimer schützen!

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