Trigger

Essays, Kolumnen

Wenn ich drüber nachdenke, bin ich in meinem Leben oft getriggert worden. Graf Zahl aus der Sesamstraße war der erste Trigger, an den ich mich bewusst erinnern kann. Er kam, zählte und lachte, zum Lachen kamen diese furchtbaren Blitze und Fledermäuse. Wenn die Blitze zuckten, bin ich sofort ängstlich hinter das Sofa gesprungen! Der melancholische Bert hat mich getriggert und das graue Schlafzimmer von Ernie und Bert – deprimierend. Oder Clowns! Riesentrigger, wer lässt derartige Gruselwesen auf Kinder los?

Lassie und Boomer! Ich heulte bereits, wenn die Titelmelodie erklang. Ständig rannten diese Hunde weg und streunten einsam durch die Gegend, um jemanden zu retten, während ein Kind weinend zu Hause hockte und sich um den Hund sorgte. Ich konnte das nicht aushalten. Was habe ich mit diesen Kindern mitgelitten. Unser Sohn sagte vorgestern, er hätte monatelang Albträume gehabt von einer kleinen Klapperkasperhandpuppe.

Neuerdings triggern mich die seltsamsten Dinge. Seitdem ich Mutter bin, kann ich bestimmte Krimis nicht mehr gucken. Oder ein Cartoon von Beck vor zwei Tagen in der taz. Der Cartoon zeigt die NATO als Frauenrunde mit den üblichen Kaffeeklatsch-Klischees. Er ist extrem witzig, aber auch ziemlich platt und spielt mit den typischen Mann- Frau-Stereotypen, nervt mich.

Meinen Mann triggert meine Sprache. In unserer Familie benutzten wir unbewusst kriegerischen Slang. “Du musst heute die Stellung halten”, sagte ich neulich zu unserem Sohn. Trigger! Unsern Sohn triggert, dass wir Fleisch essen. Meine Mutter triggert mich. Mit fast mit allem, was sie sagt und wie sie es sagt. Ich weiß woran das liegt, ich halte das aus.

Es ist gut, wenn wir Triggerwarnungen haben. Wenn solche Warnungen Menschen mit einem echten Trauma helfen, Menschen schützen, okay. Oft helfen aber schon Klarheit und Transparenz, uns einen bewussteren, sensiblen Umgang mit unserer Sprache und Bildern zu lehren und uns zu helfen, unsere festgefahrenen Verhaltens- und Denkmuster in Frage zu stellen. Wir sollten empathischer und sensibler werden.

Wir werden nicht alle Trigger aus der Welt schaffen. Völlig unmöglich, weil wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Klapperkasper, Mütter, Hunde, Nackte, sie werden uns erhalten bleiben und das ist großartig, weil wir auf der anderen Seite Vielfalt wollen. Wir sollten lernen mit Triggern zu arbeiten, sie sind gute Hinweise etwas zu verändern.

Vielleicht wollen wir uns manchmal sogar triggern lassen. Ich mag das! Ich mag es, mich mit Dingen zu konfrontieren, auch mit Unangenehmen. Gruselfilme, seltsame Theaterstücke, krasse Kunst, schräge Instagram-Postings, sperrige Menschen. Ich finde das spannend, daran entwickle ich mich weiter. Aber ich möchte selber entscheiden und übe mich in Gelassenheit: Love it, change it, leave it.

Bei Lassie habe ich einfach ausgeschaltet, Graf Zahl schaffe ich inzwischen auf dem Sofa sitzend, nackte Frauen im Museum finde auch ich als Frau erotisch und Beck verzeihe ich alles. Er ist einfach ein zu genialer Cartoonist. Und jetzt muss ich mit Muttern telefonieren, putzen, kochen und (Achtung Trigger) französischen Schokoladenkuchen mit flüssigem Schokokern backen und den warm und mit Vanilleeis verzehren.

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