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Rückblende. 1995. Griechenland. Mit einer Gruppe vom Gymnasium Canisianum aus Lüdinghausen und „Fusel-Uwe“, dem Englischlehrer, sitzen wir spät Abends auf der Dachterrasse des Hotels. Ich bin vor zwei Tagen im antiken Stadion von Delphi beim Hundertmeterlauf der Frauen nach einem Stolperer auf der Schotterpiste vornüber lang hingeknallt. Meine Knie und meine linke Brust bluten. Meine Handballen schmerzen. „Fusel-Uwe“ reicht mir den selbst gebrannten Raki des griechischen Hotelwirts mit dem einen Arm. Der andere ist ihm im Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Fallschirmjäger weggeschossen worden. Ich schmiere das hochprozentige Zeug auf meine Wunden und verziehe das Gesicht. Danach spielen wir das Ratespiel: Was wir beruflich später werden werden. „Fusel-Uwe“ klebt mir einen Zettel mit der Aufschrift “Kriegsreporterin” auf die Stirn.
Wie mein Leben als Kriegsreporterin wohl ausgesehen hätte? Manchmal juckt es mir in den Fingern, in meiner Freizeit wie Hunter S. Thompson auf die Jagd nach einer guten Guerilla-Journalismus-Story zu gehen. Dann werde ich zu Ute S. Hamelmann und wage mich auf die verwegensten Schauplätze der Weltgeschichte vor: Zum Beispiel auf das Sendener Schützenfest der St. Johanni Bruderschaft von 1602.
Jenes fand letztes Wochenende auf dem großen Parkplatz vor der Sendener Steverhalle statt. Mit Zelt, Uff-Tata-Musik und einer Debatte über die neue Dönerbude auf dem Festplatz. Diese wurde zwar von den Traditionalisten abgelehnt, durfte aber trotzdem bleiben. Mit dem Durchsetzen von knallharten Verboten, überhaupt mit Protest und Kampf haben wir Münsterländer es nicht, dafür sind wir viel zu phlegmatisch. Das wusste schon die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff über uns zu berichten.
Als letztes Bataillon des Aufbegehrens gegen den muslimischen Kulturimperialismus kritisieren die Schützenbrüder, mit einem stark geschwächten Kebab-Bissen im Mund, lediglich den Preis, mapf, mampf: “10 Euro, für echt wenig Fleisch drin! Geht gar nicht. 7 Euro ok, aber nicht 10? Nee!“ So sind wir Münsterländer, wenn es drauf ankommt: Weich wie Butter von Frau Antje.

Der Traditions-Schützenverein von “Central Senden” ist der Älteste im Dorf, hat aber im Gegensatz zu denen der Bauernschaften seit Jahren ein Nachwuchsproblem. Vielleicht ist das Ding mit der Dönerbude zur Lead-Generierung und Customer Acquisation gar nicht schlecht, denke ich. Unser Sohn und seine Kumpels würden für reichlich Organic Traffic sorgen, und der Return on Investment, also in diesem Fall Return on Traditionsverlust, ein durchaus lohnendes Unterfangen. Das Leben ist kein Ponyhof!
Ich gehe erst am dritten Tag hin und nur zum Frühschoppen. Schützenfeste sind strikt durchgeplante Veranstaltungen. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Vor zwei Wochen inspizierte ich das dreitägige Programm des Bauernschafts-Schützenvereins “Schölling Holtrup” mit dem fröhlich-positiven Vereinsmotto: “Stur un trü”. Stur und Treu. Der Slogan ist ein echter Upbeat, denkt sich der agile Coach in mir. Dreimal wird laut Programmblatt irgendwo angetreten und abmarschiert. Tatsächlich meistens ohne Sinn und Richtung. Hauptsache man marschiert ein bisschen in der Gegend herum. Zum Beispiel die Allee entlang, rauf und runter wie in der Schlange am Flughafen Check-In.
Es gibt das große Schießen, eine Polonaise (der Begriff triggert meine Freundin K. positiv und seitdem teste ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die hypnotisierende Wirkung des Wortes “Polonaise” auf sie), desweiteren einen Königsball, einen Fahnenschlag, einen Gottesdienst und ein “Treffen von Vorstand, Obrigkeit, Königspaar mit Ehrendamen zum gemeinsamen Foto”. Zack! Keine Diskussion! Keine langatmigen WhatApp-Debatten! Stattdessen: Klare Ansagen von einer durch und durch männlich geprägten Obrigkeit. Das finde selbst ich beeindruckend. Es lebe das Patriarchat, zumindest in terms of Schützenfestprogrammverordnungsgestaltung als .pdf. Bei den Johannis erkennt man die Obrigkeit an Hüten mit Federbüschchen drauf und irgendwelchen wichtigen Orden am Revers.
Ich betrete das riesengroße Festzelt der Hobbysoldaten. Man trägt schwarze Anzugjacke, weißes Hemd, weiße Fliege und weiße Hose, ein paar Männer haben einen chicen Zylinder auf dem Kopf, die Frauen sind meistens im Kleid, sporadische Besucher casual gekleidet. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Gast in so einer Institution. Holy Moly! Ich muss mich erstmal orientieren und steuere instinktiv auf das nächstbeste bekannte Gesicht zu. Das ist die Frau des Bürgermeisters. Ihr Mann und sie sind Schützenfest-Pros. Sie müssen allen neuen Königen gratulieren. Sieben Schützenvereine gibt es in unserer Gemeinde. Der Bürgermeister hat eine Yuccapalme als Geschenk für den neuen Schützenkönig mitgebracht. Mit der Yuccapalme im Arm sieht die Frau des Bürgermeisters ein bisschen aus wie Mathilda in „Leon der Profi“. Die Yuccapalmen in den Jahren davor gingen an einen halbseidenen Jungschützen, an Ziver Akyüz und seine Frau und Kevin Kania und seinen Mann.
Der Traditionsschützenverein ist inzwischen nämlich ein Transitions-Schützenverein geworden und durchlässig, was die sozialen Milieus betrifft. Wer weiß, vielleicht dürfen ja irgendwann sogar auch lesbische Frauen mit Migrationshintergrund den Vogel abschießen.

Die Frau des Bürgermeisters steckt mir hinter vorgehaltener Hand, dass im benachbarten Hiddingsel auch Frauen den Vogel von der Stange holen dürfen. Es tut sich also was in der westfälischen Brauchtumspflege. Und, kleiner Tipp an die Sendener Schützenbrothers: vielleicht ist es ja sogar besser, eine Frau als Königin zu haben, als einen halbseidenen Jungschützen. Culture eats strategy for breakfast!
Die laute Blasmusik und die Schar an Gratulanten für das neue Königspaar machen eine Unterhaltung unmöglich. Enttäuscht fahre ich wieder nach Hause. Zu meinem Mann sage ich: “Puh, vom Gefühl war das Betreten des Schützenfestzeltes eigentlich das Gleiche, als wenn ich in einen schlüpfrigen Berliner Club gehe…“ Mein Mann: „Nee, das eine ist moralisch verwerflicher.“ Überflüssig zu erwähnen, dass er Schützenfeste nicht besonders mag.
Der Schützenfest-Sonntag ist ein irre heißer Sommertag. Am Nachmittag treffe ich mich mit Freundinnen zum Baden und G&T am Kanal. Eine davon, C., war auch auf dem Schützenfest und hat seit einer Stunde ein Amt. Sie ist jetzt offizielle Schnittchenschmiererin. In Westfalen ist das eine äußerst wichtige Position! Eine der möglichen zukünftigen Schützenköniginnen hat ihr gesagt, wenn sie irgendwann Königin sei, dürfe C. ihre Schnittchen schmieren. Vielleicht darf C. in ein paar Jahren, also wenn sie sich als professionelle Schnittchenschmiererin bewährt hat, sogar in der Kutsche der Königin mitfahren. Es gibt eine knallharte Karriereleiter bei den Fürst-Blücher-Brothers von 1602 e.V..
Die Tür des Schützenzelts dagegen ist alles andere als knallhart. Im Gegenteil. Sie steht sperrangelweit auf und jede*r darf nach Belieben rein und raus marschieren. Die Blaskapelle spielt das Fürst-Blücher-Vereinslied: „Und alles schreit Hurra! Hurra! Huralalalala!“ Nach dem Kanal-Event, spaziere ich ins Zelt, als sei ich ein alter Schützenfesthase, schnurstracks auf Dachdecker F. zu. Der hatte einer Freundin am Tag zuvor in der Zeltbar einen “Sex on the beach” spendiert und ich habe Durst, aber kein Geld dabei.
Das ist sehr praktisch auf Schützenfesten, als Frau muss man quasi nichts zahlen. Meine Rache am Patriarchat: 45 Euro für drei Aperol-Spritz! Dafür verwickle ich Dachdecker F. an der Sektbar unter dem Bundeswehrtarnnetz, das landauf landab die feinen Sektbars der Schützenfeste schmückt, in ein Gespräch von Frauen über Frauen. Dachdecker F. sagt mir, dass ihn intelligente Frauen elektrisieren, ich sage ihm, dass ich das absolut nachvollziehen könne. Er fragt mich, ob unseres sich entwickelnden radikalfeministischen Gespräches, wo ICH denn die letzten 20 Jahre gewesen sei und ich sage, dort, wo ich auch die nächsten 20 Jahre sein werde.
Schließlich wanken wir sprichwörtlich mit dem “Rest vom Schützenfest” zur Wohnung des neuen Schützenkönigpaars. Ich unterhalte mich mit einer alten Schulkameradin über die magische Wirkung des Liedes “Maria breit’ den Mantel aus” (V.K.:“Du wirst lachen, das hilft!“), verwechsle alle Namen und erfahre von der Krebserkrankung einer Bekannten. Dann mache ich zum Beweis, dass ich da war, ein Foto von der prächtigen Schützenkette, die der König um die Hals trägt und auf der auch mein Opa irgendwo verewigt ist. Er war 1972 Johanni-König.

Zurück an meinem Rennrad vor dem Festzelt kippe ich direkt beim ersten Versuch, das Gleichgewicht zu halten, um! Pardauz! Ich liege ich wie ein Maikäfer auf der linken Seite. Das Team der Festwirtin, Heike Blömer, ruft, ob ich Hilfe bräuchte. Ich rapple mich auf und rufe zurück, dass es schon ginge, und verkünde auch gleich lauthalts über alle Köpfe hinweg, dass mein Mann in der gleichen Grundschulklasse wie die Festwirtin war. Nun weiß ganz Senden über mein ruppiges Schicksal an der Schützenfront Bescheid und meinen Namen kennen praktischer Weise auch gleich alle.
Am nächsten Morgen begutachte ich die Wunden meines Abenteuers. Die Rippen angeknackst* oder zumindest stark geprellt, zwei große blaue Flecken am linken Oberschenkel und einen am Po. Mein Kopf tut auch weh. Kaffee und Wasser helfen, wieder munter zu werden. Was tut man nicht alles für ein bisschen Gonzo-Kriegsjournalismus-Abenteuerlust an der Heimatfront? Meine im Kampf für mehr Diversität errungenen Blessuren finde ich an Tag zwei irgendwie sexy: I’m wounded!

Liebe Fürst-Blücher-Boys, ich plädiere dafür, für die in der Festschlacht verletzte Heldin (sprich: moi!) beim nächsten Antritt und Abmarsch zum Kriegerehrenmal ebendort einen Kranz niederzulegen. Mit Regenbogenschleife dran. Kann auch ein ganz kleiner sein, ich bin da unprätentiös! Dachdecker F. sollte ihn mit lila Schärpe in seinen großen Händen tragen, in stillem Gedenken an einen Feminismus, der da sein könnte, aber nie wieder da sein wird. Happy St. Johanni! Happy Pride!
*nach vierzehn Tagen war ich beim Röntgen und es stellte sich heraus, dass die 6ste Rippe links tatsächlich gebrochen ist.
