London – ein Reisebericht

Well, auf Reisen überkommt mich bekanntlich die Schreiblust und Doppelwell, in London einmal mehr ganz besonders.

Von Flygskam ist nichts zu spüren, in London, im Sommer. Tausende von Touristen schieben ihre schwitzenden Leiber durch die Metropole. Es ist voll, es ist eng, aber auf sonderbar friedliche Weise gliedern sich alle ein in die dahin fließenden Bewegungsströme der Pedestrians. Kein Gemecker, kein Gestöhne, kein lautes oder harsches Wort. Pedestrians in London sind das Anti-Twitter und genießen Sonderstatus. Unbehelligt von surrenden Vehikeln, die einem in anderen Städten um die Füße brausen, flanieren wir an der Themse entlang und selbst im Naherholungsgebiet in Hampstead Heath sind die meisten und zugleich schönsten Wege für Radfahrer verboten, welch Wohltat! Ab jetzt bin ich German, European and Pedestrian! Dass ich finde, dass „Pedestrian“ irgendwie bisschen versaut klingt, liegt vermutlich an meiner für London gewählten Urlaubslektüre „M“, die ich drei Tage zuvor in der münsterländischen Dorfbuchhandlung mit den Worten „soll ein bisschen schlüpfrig sein“ abholte. „M“ entpuppt sich bereits ab Seite fünf als saftiger Porno, auf dem aber aber brav „Roman“ steht und den Ijoma Mangold neulich im Baden-Badener Lesenswert-Quartett empfahl. Daraus vorlesen durfte er nicht, Gastgeber Dennis Scheck wusste warum.

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Alles so schön grün hier…

“Komm doch zum Business-Festivial”, sagt die Agenturfrau. „Da geht es um Innovation und Digitalisierung. Ich schicke dir eine Einladung. Ganz viel Austausch mit anderen!“ Toll, denke ich, Austausch, immer gut. Es ist heiß in Berlin und ich schlendere auf das Gebäude in der Falckensteinstraße zu. Mehr Kreuzberg geht nicht. Wrangelkiez, direkt an der Oberbaumbrücke. Wo in den 80ern die Alternative Szene tobte, machen sich nun Werbeagenturen breit. So heißen sie aber nicht mehr, sondern User-Centricity oder Experience- oder Innovation-Agencies, oder Digital-Strategy-Experts. Aber eigentlich verkaufen sie sehr großen und sehr bekannten Firmen Werbung, die aber jetzt Vision oder Purpose heißt und sehr kundenzentriert ist. Alles muss jetzt Purpose haben. Ich bin ein großer Freund von Purpose und Visionen, innovativen Ansätzen, von Nachhaltigkeit, philosophischen, athroposophischen Zukunftsfragen und Kundenfokus, mir dämmert aber so langsam das große Geschäft hinter der neuen, digitalen Purpose-Welt.

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Fastenzeit

Jeder macht ja jetzt Diät,
von morgens früh bis abends spät.
Denn nach dem leberfetten Treiben,
versucht nun standhaft man zu bleiben,
darbt an Zucker, Fett und Kohlhydraten,
Ethanol und manch’ Phosphaten,
ernährt sich nur von dicken Säften,
um Darm und Magen zu entkräften,
trinkt Smoothies, Tees und Detox-Suppen,
will schlank sein wie die Insta-Puppen.
Low-Fat, Low-Carb, Low-Saccharose,
es rutscht schon jetzt so manche Hose.
Heute vier und morgen drei,
stach, stach mit, und hier noch zwei!
Die Kilos purzeln munter,
immer weiter, weiter runter.
Alle diäten wie verrückt,
und sind vom Fasten ganz entzückt.
“Denn wer jetzt noch isst und trinkt,
der ist maßlos und der spinnt!
Bier, Genuss und Völlerei,
all‘ das ist uns Einerlei!“
Intoleranzen, Dünst-Rezepte,
füllen nun die Small-Talk-Sätze.
Böse Fette, ganz versteckte,
und erst die Stoffwechseleffekte!
Ganz Deutschland ist im Fastenfieber,
ach, Deutschland, dick bist du mir lieber!