Hoch vom Himmel komm ich her,
ach mist, ich weiß den Text nicht mehr,
wie war das noch mit dem Gedicht?
vermaledeit, ich weiß es nicht!
Ein Weihnachtsstern, der kam drin vor,
und son’ dummer Engelschor,
und Hirten ham’ da rum gesessen,
verdammt, ich hab den Text vergessen!
Ruhe! Ich brauch Konzentration,
und einen Schnaps, dann klappt es schon!
Von hoch von droben kam so was,
ach nee, so macht es keinen Spaß.
Weihnachten, das Christenfest,
o, dies Gedicht gibt mir den Rest.
Gib mich mal die Pulle her,
dann geht das ganze flüssiger.
Also, hoch von droben,
also ganz von oben,
kam son‘ Kindchen,
ja, tu ma voll das Pinnchen!
Was die Pulle ist schon leer?
Dann hol mal fix ne’ neue her,
denn an die spirituelle Virtuosität,
erkennt man dem Dichter ihm seine Qualität!
So, nun ganz von Anbeginn,
erst stopft der Gott das Kind da rin,
nee, so war es nicht gewesen,
Ruhe, ich muss noch mal lesen:
Erst kam der Engel,
dann der Bengel,
dann die Religion,
das war es schon!
UH!
Gedichte
Die Eintagsfliege
GedichteEs lebte eine Eintagsfliege,
die wusste, wenn ich heute lüge,
schmore ich ab morgen immer,
im ewigen Höllenglimmer.
An diesem, meinem Lebenstag,
pass‘ ich schön auf, was ich so sag.
Um mich in meinem kurzen Leben,
nicht einer Lüge hinzugeben.
Eine andre Eintagsfliege kommt und fragt,
sag mal, bist du schon gepaart?
Oha, das hab‘ ich glatt vergessen,
Na dann mal flugs gleich aufgesessen.
So liegen sie erschöpft im Gras.
Die eine fragt sie, na, wie war’s?
Die Eintagsfliege ist perplex,
Wie? Das war jetzt etwa Sex?
Sie ist ganz ehrlich, will nicht lügen,
es war ihr kein sonderlich Vergnügen.
Doch die Wahrheit ist eben:
„Der beste Sex in meinem Leben!“
Hans Zitrone
GedichteHans Zitrone der Kalifornier,
wohnte bei den Engels direkt ums Eck,
er war ein echten Komiker,
Hans Zitrone, der olle Jeck!
In „Glocken, Bücher, Kerzen“,
und „Operation verrückter Ball“,
beliebte es ihm zu scherzen,
der Hans, der spielte überall.
Ob Breitweg, ob Stechpalmenholz,
Hans mimte schräg und heiß,
der Franz überreichte ihm ganz stolz,
den goldenen Löwenpreis.
Den Oscar erhielt er dreimal gar,
für sein Lebenswerk persönlich,
Hans Zitrone war ein Star,
auf deutsch klingt er gewöhnlich.
UH
Die Welt, ein Abgesang (fröhlich)
GedichteHei, da ist sie nun, die frohe Kunde,
die Welt, sie geht endlich zugrunde!
Hurra, wir haben es geschafft,
sie ist rumsbums dahingerafft!
Juchu, es hat sich’s ausgelebt,
man hatte so viel angestrebt:
Kommunismus, Sozialismus,
Liberalismus, Kapitalismus.
Wir klatschen dankbar in die Hände.
Hei, alles hat einmal ein Ende.
Lassen wir es nochmal krachen,
Finale nun mit hundert Sachen:
Volle Gönnung aus dem Schisslaweng!
Ohren zu! Gleich macht es Peng!
Champagner. Abgang. Schlussapplaus.
Vorhang. Danke. Aus die Maus.
Ute Hamelmann
German way of change
GedichteIn Germany Veränderung
always starts with a Satzungsänderung!
Ist Tschäintsch einstimmig beschlossen,
wird der Success mit beer begossen.
Die Lösung umgesetzt als Resultat,
wird auf die nächste Sitzung rasch vertagt.
Neun ja, zwei nein, eine Enthaltung,
Cheers auf freie Entfaltung.
Sonntage im Atelier
GedichteNichts müssen müssen,
einfach nur liegen
und den Fliegen
dabei zusehen
wie sie ihre Runden drehen
und mit dem Köpfchen
immer wieder
vor die Fensterscheibe knallen
und runterfallen
und auf dem Fensterbrett rumzappeln
sich berappeln
und benommen
(von der Nahtoderfahrung sichtlich beklommen)
aufs Neue und immer wieder –
versuchen in die Freiheit
zu kommen.
Ute Hamelmann
Die ungefällige Kunst
GedichteDie ungefällig
hässliche
die unbequem
entsetzliche
Die unverstanden
verletzliche
die ungeschützte,
letztliche
Kunst
Löst sich in
Wohlgefallen auf.
Dekorativ muss es sein.
Stempel drauf!
So ist’s fein.
Schreihalsokratie
GedichteLieschen Müller fordert Freiheit,
Josef K. ein halbes Steak,
Rainer Schulz die große Gleichheit,
Heike findet’s nicht okay (vom Grundsatz her).
Ralf so: Krypto! Große Chancen!
Mirna betet für den Krieg,
Ruth übt sich in Contenancen,
Udo ruft nach der KI (zunehmend fiebrig!).
Klaus macht Schwulendissen,
Dagmar will nicht länger posten (jetzt aber wirklich),
Nora weint in Vintage-Kissen,
Kicky tut die Alphas roasten.
Alles muss sich stets beschweren,
Moralgericht in Dauerschleifen,
multiples Empörungsvermehren,
über andere Lebensweisen.
Künstlertrance
Gedichte(kmh Frankfurt, Herbst 2025)
Hinter großen Scheiben,
tischen Kellner kleine Speisen
mit Schäumchen drauf auf.
Sauerteigbrot, Sardinen, Burrata,
Ichiban Dashi mit gelber Beete,
Muscheln, Hummus und Handkäs Tatar,
Apfelkrapfen mit Chantilly Creme.
Weine defilieren flaschenweise
durch’s halbdunkle Stimmengewirr.
Silbergabeln kratzen leise
über rot-weißes Tudor-Porzellan.
Weiter hinten auf der Fensterbank
eine Chansonette begleitet von Tellergeklirr,
Pomerol Gläser stoßen an.
Pas de deux am Nebentisch
schlürft Bannow-Bay-Austern mit Bubbles
teilt sich’s Enten-Carpaccio und den Crudo Fisch.
An der Bar das Blumenbouquet
fixiert meinen Blick, bis über alles
sich eine schläfrige Tiefenunschärfe legt
und mein Hirn sanft entschwebt
in vollkommenste Homöostase –
bis zum Krapfen mit Sahne.
UH
Monolog Wertstoffhof
GedichteFragen Sie sich nicht auch an manchen Tagen,
zum Beispiel samstags in der Schlange vor dem Wertstoffhof im Wagen,
was denn nun wirklich unsere Welt,
im Innersten zusammenhält?
Spinoza und Leibniz habe ich gelesen,
bin an den wundersamsten Orten gewesen,
noch vor ein paar Wochen als Touristin in Rom,
flanierte ich durch den Petersdom.
Habe fromm an mancher Reliquie gehangen,
an Katharinas Grab gestanden,
bin die Heilige Treppe hoch gekrochen.
habe auf jeder Stufe ein ‘Vater unser’ gesprochen.
(Ich bin nicht blöd, mir ist bewusst,
die ganze Welt ist ein Konstrukt.
Das System der Religion
ein Instrument der Repression.)
Ja, ja, so lächelt gütlich nun der Atheist,
denn ER sieht alles, wie es ist.
Hebt an, um freundlich darzulegen,
dass doch alles hier auf dem Planeten.
naturwissenschaftlichen Ursprungs sei,
Der Mensch, Chemie im Weltenbrei.
Ach, ruft da jemand, recht haben Sie!
Gott ist fürwahr ein Mathegenie!
(Mit einer Vorliebe für Harmonie.)
Professoren sind seinem Rätsel auf der Spur:
Indes, einen Bruchteil lösen sie nur.
Erforschen das All, Protonen, Neuronen.
den Urknall, Monaden, Quarks und Hadronen,
doch schier unendlich sind die Variationen,
des Unbekannten hinter ihren Konklusionen.
Und weil sich das Welträtsel niemals lösen lässt,
verhält es sich ähnlich mit dem Rest:
Gott ist die Leerstelle, Substanz, ein Zwischenraum,
das Unbekannte, Ambivalente, der wirre Traum.
Verdammte Scheiße!
Das ist zu vage!
Hör ich des Atheisten Klage.
Er will es lieber eindeutig regeln,
statt in der Ambivalenz zu leben.
Für mich ergibt sich folgende Konstante:
Gott ist die große Unbekannte!
In diesem Zwischenraum, so lässt sich konstatieren,
mag Gott*in rosa Punschkrapfen schnabulieren.
im Schwarzen Kameel links hinter der Tür,
“Ich habe Sperrmüll und Papür!”
UH
Abschied
GedichteSo ist der Gedanke
schließlich und unausweichlich.
Weil ich dann liegen werde,
in dem Sarg,
auf dem Katafalk.
Und es werden Menschen da sein,
vielleicht.
Und ich werde alt sein,
vielleicht.
Und mein schönstes Hemd tragen,
vielleicht.
Jemand wird nette Worte sagen,
vielleicht.
Aber zuvor, sehr lange schon, bin ich
durch manchen Abschied gegangen.
Weil ja ab irgendwann
alles ein Abschied ist.
UH
***
That’s how the thought is,
ultimately and inevitably.
Because then I will be lying there,
in the coffin,
on the catafalque.
And there will be people there,
perhaps.
And I will be old,
perhaps.
And wearing my finest shirt,
Someone will say kind words,
perhaps.
But before that, for a very long time, I have
gone through many farewells.
Because at some point,
everything is a farewell.
UH
Schickeria Bussibraun
GedichteJungvolk im Schnöseldress.
Heilchen Hitler, more or less,
Parolenpartys in Pony Bar,
Mit rosa Wangen und Scheitel im Haar.
Ein Gefühl von Übermenschlichkeit.
Smart lächelndes Privilege in White.
Ivy League auf deutsch.
Jungkapitalistische Seitenscheitel-Boys.
Perlenkette auf Kaschmir-Vibe.
Girls im Upperclas Trad-Wife-Style.
Lachen über den Neger-Witz,
Konservative Revolution mit Aperol Spritz.
Rolex trägt’s jeunesse Nazi-Preppy
New Money Supremacy, voted by East-Germany.
Altsysteme? Woke, versiffte Prekarier.
Der Rich-Kid-Arier baut’s Neugermania!
UH!
Sommergewitter
Gedichte80er Sonntagslähmung,
wonach sich heute jeder sehnt,
man popelt in der Nase rum
und hofft, dass sich was regt.
Gediegenheit hinter Tüllgardinen,
Im umzäunten Vorgarten die Primel thront,
Durchwandle normierte Doppelhaushälften,
in denen auch das Böse wohnt.
Der Wind ist plötzlich ausgegangen,
als lägen tausend Hunde begraben,
Weltenleere auf grauem Asphalt
jemand hat zum Duell mich geladen
(werde sehr nass).
Ute Hamelmann
Our Daily Instaworld
Gedichte
Die einen gehen in den Krieg
andere in Sexclubs
oder über rote Teppiche
Eine Kodak-Socke wird hochgezogen.
ein blutiges Loch in einem verbrannten Kinderbein
jemand mischt einen Fireball.
Cheers!
some go to war
others to sex clubs
or across red carpets
a Kodak sock is pulled up
a bloody hole in a burnt child’s leg
a fireball is mixed
Cheers!
Bildungsbürger Weltverkehr (unsortiert)
GedichteWas halten Sie von der Zauberflöte?
Zerstreuung, so wichtig,
man wird sonst verrückt, wissen Sie,
überall diese Nöte!
Nichts passt mehr richtig,
Münster Programm: “Give a peace –
Wallenstein!” Klingt anspruchsvoll,
Haben Sie die toten Kinder gesehen?
Rigoletto? Ach, den kenne ich schon!
Die in Gaza, ja, kann man nicht verstehen.
Dreigroschenoper? Zu frivol!
Deutsche Waffen seien es gewesen.
Ich würde ja gerne nach Bochum
ins Schauspielhaus.
na, dieser Hüller wegen.
Irre Frau, ganz toll!
Die Israelis müssten raus.
Pardon! What about Staatsräson?
Jetzt doch die Münster Carmen?
Rechts, Parkett?
Großes Haus?
Man könnte sich doch vertragen.
Bestellen Sie das Pausengedeck?
Stattdessen Kinderleichen in Etagen.
Extra Brezel und zwei Sekt.
So viele Tote, kein Erbarmen.
Münster ist nicht Bochum!
Gebucht? Perfekt.
Ach, diese weltweiten Dramen,
Was? Fünf Stunden der Bizet?
Herrje! Das müssen wir jetzt auch noch
ertragen.
(Und das Handy bleibt aus!)
U.H.
Beziehungsveränderungen
Gedichte(Sweet but political addictions)
Wissen Sie, schwärmt Frau Dornier,
für meine Kunst hab’ ich einen Financier!
Unerschöpflich sind seine Mittel,
dazu trägt er respektable Titel.
Und sehen Sie erst meine Reputation!
Durch diese kreative Liaison!
Er ist genant, ganz ohne Eitelkeit,
lässt mir Extravaganz und Exaltiertheit.
Besitzt die schönsten Häuser in der Stadt,
Platz für fünfhundert Leute satt.
Wöchentlich trifft sich dort die Hautevolee,
zu 80 Prozent aus seinem Portemonnaie.
Alle folgen seinen Invitationen,
die Kulturszene, Minister und Professoren.
Das Studium hat er mir auch bezahlt,
natürlich spreche ich vom Staat!
Unlängst jedoch bin ich empört
Will er mir sagen, was sich nicht gehört!
Hat er vergessen, wer ich bin?
Hat er nicht! Eine Staatskünstlerin!
U.H.
La fin du monde
Gedichte(Torbar Berlin 30.10.2023 avec Claudia Langer)
Ich gehe meiner Arbeit nach,
wie die einfachen Leute.
Ich lese morgens die Zeitung – auf Papier,
und trinke Filterkaffee schwarz.
Ich muss nicht besonders sein
nicht öffentlich, exaltiert und sexuell.
Nicht im Sekundentakt die Welt retten.
Das ist wahrlich nicht sehr originell!
Das macht jeder andere schon!
Das kann ich getrost denen überlassen:
Studierten Künstlerinnen (mit Diplom),
Zahnarztgattinnen und dem Feuilleton.
Aber muss man das denn nicht, als Citoyen?
Gehört die Empörung nicht zum guten Ton?
So zumindest macht es der echte Moralist!
J’excuse, ich bin keiner davon.
Zugucken? Für’s Torbar Publikum keine Option!
Mais, eine mehr oder weniger a la fin du monde?
(Indignierter Blick meines Gegenübers)
“Der Rückzug ins Private gleicht Weltkapitulation!
(Ratloser Blick envers)
Du machst das schon!”
Ute Hamelmann
Das warme Deckmäntelchen des Kapitalismus
GedichteDunkel hebt sich der Lider Grund,
Trauer umfasst den Wesenszug,
den Tod zu artikulieren sei ungesund,
so repetiert man: Mir geht’s gut!
Man spricht nicht über die Gefühle,
aber über hundert Sorten Bier,
über Aida-Cruises und kaputte Stühle,
Es war so reinlich auf Deck vier!
Über Blendax und Drei-Wetter-Taft,
wie man es all die Wunderjahre tat,
in der kuschelweichen Marktwirtschaft,
wohl, den die Krönung trägt ins Grab!
Ute Hamelmann
Spracheskapismen
GedichteFallenlassen in Bedeutungen.
Entschweben aus dem was ist,
mit Worten umfließen
Sphären des baldigen
Vergessen-Sein-Werdens.
Vollkommenes Selbstgenügen
im semantischen Formen
von Verbindungen mit der
Unendlichkeit.
Oh, what a bliss.
U.H.
German Sozialismus 4.0
GedichteHurra, Hurra,
wir gründen jetzt ne‘ Szenebar!
In Berlin Mitte,
gleich unter der Werber-Titte.
Da kommen ganz viel Yuppies hin,
das ist genau der Szene Sinn.
Und weil wir sie hassen, zutiefst verachten,
heißt die Aktion: Den Snob ausschlachten!
Neukommunistische Business-Strategie:
Umverteilung wie noch nie!
Luxus-Pinke-Pinke gleich Mitte-Devisen,
hilft halb Kreuzberg aus den Miesen.
Parole Sofort! Ein jeder häuft an,
Schnöselspesen so viel man kann!
German Sozialismus Vierpunktnull,
dafür nochmal das Näschen full.
(Keine Sorge, der Herr,
auf dem Klo gibt’s noch mehr!
Dit is Berlin, wa?
ROFL und Ha!)
Unser Klassenkampfgewissen?
Auf den Bourgeois wird natürlich weiter geschissen!
Kampf dem Spießer und Fremdkapital,
excusez moi, der Champagner wird schal.
U.H.
