Über die Kunst des Alles-Fragen-Könnens

Columns, Kolumnen

Man muss nicht erst in den Urwald fahren und sich von Kannibalen verspeisen lassen, um ein Abenteuer zu erleben, man kann auch einfach den Jahresrundgang der nächstgelegenen Kunstakademie besuchen. Das habe ich am Samstag getan. Documenta en miniature in Münster.

In der Eingangshalle begrüßen uns kleine, auf dem Boden stehende, phallisch geformte Holz-Figuren, die wie Stempel aussehen und ein Staubsauger auf einem Hochflorteppich. In der Ecke rechts von uns sitzt ein ziemlich großer Typ (Mann? Frau? Wirklich schwer zu sagen) im Punk-Outfit, mit gefärbtem Haar, schwarzem Shirt, kurzer Hose, Springerstiefeln, starrt uns mit weit aufgerissenen, schwarz umrandeten Augen an und wickelt sich in zuckend hektischen Bewegungen ein dünnes schwarzes Kabel um die Zunge. “Krass”, denke ich, “Kritik an der Digitalisierung vermutlich.” Weil der Typ mich andauernd so dermaßen irre und herausfordernd anstarrt, blicke ich verstört wieder weg und wieder hin und wieder weg und wieder hin, und immer, wenn ich zu ihm blicke, fixiert er mich wie verrückt, guckt sehr wütend und umwickelt noch energischer seine Zunge. Spooky. Wir schlendern in den nächsten Raum. Der Typ verfolgt uns, setzt sich jetzt in die Ecke dieses Raumes, glotzt uns wieder mit irre aufgerissenen Augen an und wickelt erneut aggressiv an seiner Zunge herum. Wir fühlen uns bedrängt und huschen schnell weiter, die Treppen hinauf, an getöpferten “identity”-Sprüchen vorbei und an diversen mit Steinen gefüllten Suppenkellen, die überall auf dem Boden herum stehen und über die die Besucher allenthalben stolpern, um sie dann, peinlich berührt, wieder aufrichten zu müssen.

Der schöne fünfzehnte sechste

Gedichte

Nein,
mein Leben ist nicht aufregend,
ich sitze morgens nicht in der Paris Bar,
ich trage keine Designerkleider,
und gehe nicht auf die Kunstgala.
Ich gebe auch keine Interviews,
und posiere nicht auf Theatertreppen.
ich habe keine berühmten Verwandten,
oder Freunde, die welche hätten.
Ich habe keinen künstlichen Nägel,
und keine Story auf Instagram,
Ich bin. Ich bin. Ich bin.
Nur da. 
Immerhin.
Na ja.

Wiener Notizen

Columns, Kolumnen

Wien könnte eine schöne Stadt sein, liefe nicht die ganze Zeit meine Mutter neben mir her (wir sind wegen Erbangelegenheiten hier). Sie quasselt in einem fort. Ich wusste nicht, dass Menschen so viel reden können! Wir laufen die Bankgasse hinunter zum Burgtheater, dafür habe ich kurz vorm Abflug noch Tickets besorgt. In der Gasse interessiere ich mich für ein unbenanntes, aber hoch dekoriertes Lokal, an dem wir vorbei huschen. „Mensch, ist das sauber hier! Guck mal, diese Straße, wie machen die das nur? Warum ist das bei uns in Senden nicht so sauber?“ Alles, was meine Mutter sieht, reduziert sie blitzschnell auf ihre Welt. Und ihre Welt ist in erster Linie das westfälische Örtchen, in dem sie lebt – eigentlich in einziger Linie.

Bar 3

Gedichte

Hintergrundwabernder Soulgesang
über lautstark palaverndem Publikum,
stimmgewirre Klangssuppe
in rauchschwangerem Zigarettendunst.

Versammelte Volksbühnenepigonen,
Autoren, oder sonstwas mit Kunst,
tragen normcoreschwarz im Ton.
in ‚ennuyant as attitude‘ – Facon.

Zwei drallblonde Mittexanthippen,
mit Duttfrisur, goldenen Riesenbrillen,
und musternd abwertenden Großstadtblicken
umschwärmen einen Schauspielstar.

Die Frau, en face, an der Bar, 
streichelt sich über ihr Hinterkopfhaar – fortwährend!
It’s too darn hot, summt der Beat,
If you can’t stand the heat,
na, weeste ja.

U.H.