Schützenfest, ein Frontbericht

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My Macho-Dance-Experience

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Der Business Traveller

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In der DB Lounge in Frankfurt schlürfe ich einen kostenlosen Automatenkaffee. Vor mir liegt die Zeitschrift “Business Traveller”. Ich blättere lustlos in dem Heft. Der Business Traveller ist so eine Art eigene Klasse, a league of their own, denke ich. Klassen gibt es nicht mehr, sondern nur noch Sinus Milieus. Im Kartoffeldiagramm der Sinus Milieus sucht man ihn allerdings vergeblich, den Business Traveller. Noch! Denn er ist eine große, weltumspannende Kohorte. Es gibt 445 Millionen Business Travels pro Jahr, Tendenz steigend. Ein Boom-Markt mit fantastischen Wachstumsprognosen: 2.000 Milliarden Dollar Umsatz in 2028.

Brecht, Bühnenalkohol und Dietzenbacher Existenzialismus

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Wiener Notizen

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Wien könnte eine schöne Stadt sein, liefe nicht die ganze Zeit meine Mutter neben mir her. Wir sind wegen einer Erbangelegenheiten hier und sie quasselt in einem fort. Sie ist quasi Social-Media in Echtzeit, im real life. Alles wird sofort kommentiert und in gut oder doof bewertet: Wir laufen die Bankgasse hinunter zum Burgtheater, dafür habe ich kurz vor dem Abflug Tickets besorgt. In der Gasse interessiere ich mich für ein hoch dekoriertes Lokal. „Mensch, ist das sauber hier! Guck mal, diese Straße, wie machen die das nur? Warum ist das bei uns in Senden nicht so sauber?“ So geht es weiter, bis wir endlich auf unseren Plätzen sitzen. „Gute Plätze! Schade, dass wir so ein schönes Theater nicht in Senden haben!“

In der Burg geben sie das Stück „Die Ärztin“ frei nach Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi. Ich erkläre ihr, dass es um Zeitgeistthemen geht: Cancel Culture, Identitätspolitik, Wokeness, das Patriarchat. „Das ist ja wie bei uns im Kirchenvorstand!“ ruft meine Mutter freudig. Sie ist total begeistert, dass die hier in Wien jetzt gewissermaßen Sendener Kirchenvorstandssitzungen auf der Bühne spielen und verfolgt das Stück gebannt. Das liegt natürlich auch an der Hauptdarstellerin Sophie von Kessel, die sie aus diversen Rosamunde Pilcher Verfilmungen kennt.

Bar Milleluci

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Ich arbeite ja beim Lotto. Das sagt man wirklich so: Beim Lotto! Warum weiß ich nicht, aber ich habe das inzwischen übernommen. Seit zwanzig Jahren arbeite ich da schon, beim Lotto. In ganz unterschiedlichen Funktionen. Jedenfalls wird man in so einem Job häufiger mit dem Gedanken konfrontiert: Was wäre, wenn du 90 Millionen Euro gewönnest.

Ja, was eigentlich? Was wäre ein guter Place to live and im Grunde noch viel wichtiger: The place to die?

Sicherlich ist es nicht die Doppelhaushälfte in Datteln mit dem mit Ziegelsteinen aufgebocktem Schreibtisch, die ein mehrfacher Milliardär immer noch bewohnt – so munkelt man zumindest. Aber man will ja auf der anderen Seite nicht so ein neureiches Leben führen und wie Paulchen Protz mit seinem Ferrari und den neuesten Camp David Joppen oder anderweitigen Markenklamotten alle Leute im Dorf nerven. Oh heiliger Schreck! Nein! Dann lieber normal bleiben.

Mondän müsste es sein und dabei lässig. Interessant und abwechslungsreich, aber nicht stressig. Geistreich, aber nicht krampfhaft intellektuell, kosmopolitisch, aber ohne andauernd durch die Welt flitzen zu müssen, dazu ein bisschen frische Luft, Kontemplation, Ästhetik, sehr gutes Essen, Kunst und Sport und oft unterhaltsame Leute zu Besuch. Denn was will man mit viel Pinkepinke, wenn man einsam ist? So einsame Hütten am Ende der Welt braucht kein Mensch! Kurzum, die Leute müssten zu einem selber kommen, weil es da toll ist, wo man ist, ohne dass es nervig wird.

Grumpy Family

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Ich mache mir nichts vor, ich bin Mitte vierzig und werde grumpy. Es führt auch kein Weg daran vorbei. Bei mir in der Familie hatten wir viele grumpy people. Eigentlich waren wir Grumpy-Family. Meine beiden Tanten, Sissi und Toni, lebten zusammen, nachdem ihre Männer im Krieg gefallen waren, und sie waren ein Ausbund an Grumpiness. Grumpy in olympischem Ausmaß! Ich glaube, ihre Gesichtsmuskeln waren irgendwann so konditioniert, sie hätten nicht mal mehr lächeln können, selbst wenn sie gewollt hätten. Sie zupften den ganzen Tag Unkraut in ihrem riesigen Gemüsegarten und schimpften dabei leise murmelnd vor sich hin. Mein Opa väterlicherseits war auch sehr grumpy. Er saß immer auf dem roten Sofa in der Küche, guckte durch seine dicke schwarze Brille grumpy in die Welt und rauchte dabei Zigarre. An mehr erinnere ich mich nicht, wirklich! Oder er saß an der Theke in der Hansa Stube, da war er vielleicht fröhlich, aber das weiß ich nicht.

Ich erfuhr irgendwann später, dass er beim Finanzamt gearbeitet hat, obwohl er eine Karriere als Unternehmenschef oder Organist hätte machen können, aber dann gäbe es mich wohl nicht. Tja, man kann nicht alles haben. Seine Frau, meine Oma Grete, auch ein ziemlich grumpiger Fall, außer wenn sie klassische Musik hörte, da summte sie fröhlich. Und der Onkel, Bruder meines Vaters, auch. Unsere Familienfeste, hei, da war was los, ich sage es euch! Neulich erfuhr ich, dass der besagte Onkel früher mal eine sehr intensive Beziehung zu einem Jungen hatte und in der Zeit sehr glücklich war. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, der glückliche Onkel, einfach weil es so abwegig war. Man, sieht, Grumpiness ist in unserer Familie genetisch bedingt und damit auch für mich unausweichlich.


Trotzdem arbeite ich natürlich dagegen an! Ich stelle mich morgens vor den Spiegel und mache zum Beispiel Lächeln-Übungen. Embodiment heißt das. Das habe ich neulich in einem TED-Talk gehört, das hilft: Mache eine Power-Pose und du wirst zur Power-Frau! Stell dich breitbeinig hin oder setz dich breitbeinig hin, nimm die Arme hoch, zeige deine Mukkis, mache ein breites Kreuz und du wirst zum Gewinnertyp! Also mache ich ganz viele Power-Posen und Lächeln-Posen und Arm-Hoch-Posten vor dem Spiegel und fühl mich super – zumindest für die nächste Stunde.


Gestern hat unser Jüngster seine Kumpels mit nach Hause gebracht. Theo und Ibo, Ibrahim. Ibo ist mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Da war er vier. Er hat sechs Geschwister, sein leiblicher Vater ist im Krieg gefallen. Nun ist dieses Kind so dermaßen freundlich und fröhlich, dass es mich regelrecht umgehauen hat! Wirklich. Ich kenne kein freundlicheres Kind. Auch die Mutter von Theo ist ganz begeistert. Mir war schon in der Schule aufgefallen, dass er mich sofort wahrnahm, wenn ich ein vergessenes Pausebrot oder einen Turnbeutel anschleppte und mir immer sofort sagen konnte, wo sich mein Sohn befand. Ich liebe aufmerksame und umsichtige Menschen!


Tja, was soll ich sagen, die Fröhlichkeit und Freundlichkeit dieses Kindes ist direkt mimikrymäßig auf mich übergeschwappt. Und ich übe mich jetzt in Ibo-Freundlichkeit. Das ist ja das gute an der Biologie, man kann den Genen ein Schnippchen schlagen, nämlich durch Anpassung. Man kann sich im Grunde prima selber evolutionieren. Mache ich jetzt. Jeden Tag ein bisschen. Ibo-Co-Evolution. Survival of the friendliest. Grumpiness go home!

Über die Ästhetik des Andersseins

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Neulich sah ich diesen berühmten Filmausschnitt über lebensmüde Pinguine. Er heißt “Nihilist Penguin” und ist aus dem Film “Begegnungen am Ende der Welt” von Werner Herzog. Für diese Dokumentation ist der Filmemacher eigens mit seinem Kameramann in die Antarktis gereist und beobachtet dort nun eine riesige Pinguinkolonie. Tausende von Pinguinen, so weit das Auge reicht, überall auf der weißen Schneelandschaft kleine schwarze Punkte. Als er einen Pinguinforscher interviewt, sagt dieser, es gäbe immer ein paar Pinguine, die einfach ausscheren. Die nicht mit der Masse schwimmen. Alle anderen tausend rennen zum Meer. Diese nicht. Die rennen genau in die andere Richtung. Ins Landesinnere. Die widersetzen sich dem natürlichen Trieb, zu schwimmen, im Meer Nahrung zu jagen, sich zu paaren, eine Familie zu gründen, einen Bausparvertrag abzuschließen und so weiter – kennt man ja. Die wandern lieber aus und flüchten sich in die Leere der weiten fischlosen Schneelandschaft.

Irgendwas in denen sagt: Ich mach da nicht mit! Ich steig aus. Fuck you Pinguin-Konvention. Vielleicht sind das Vegetarier, oder Veganer, Aquaphobiker, oder doch von einer unstillbaren Todessehnsucht getriebene Thanatos-Pinguine, oder ist es etwas ganz anderes? Jedenfalls ist da nix zu machen mit diesen ollen Querköppen. Der Pinguinforscher sagt, dass man die immer wieder in die Kolonie zurücksetzen könne oder einfach ins Wasser schmeißen, die gingen trotzdem wieder ins Innere des Kontinents. Als sei das so eine Art innerer Zwang. Und man solle sich denen bloß nicht in den Weg stellen! Ich finde das toll. In ihrer unbeirrbaren Sturheit könnten das glatt westfälische Pinguine sein. Und er sieht wirklich wahnsinnig romantisch aus, der einsame Pinguin, wie ein Eremit in der Wüste.