Tag 7 in freiwilliger Corona-Quarantäne

Cartoon Corona Karnevalsverkleidung Astronaut

Tag 7 in freiwilliger Corona-Quarantäne:

– Die zwei Kinder spielen Schiffe versenken mit Walkie-Talkies und fühlen sich, als lebten sie im 20. Jahrhundert auf verschiedenen Kontinenten. Morgen telegrafieren sie vermutlich. Ich bin gespannt, wann die Rohrpost bei uns Einzug hält.

– Mittlerweile finden sie, dass Schulaufgaben machen und Zimmer aufräumen wirklich tolle Aufgaben sind, um sich den Tag abwechslungsreicher zu gestalten. Mein Home-School Scrum-Taskboard zur Selbstorganisation ignorieren sie geflissentlich, aber sie akzeptieren meinen Mann und mich inzwischen immerhin als Personal-Coaches ihrer agilen Tagesgestaltung.

– Sie lernen Kochen (Möhrensuppe) und wollen am Wochenende in ihrem Kinderzimmer ein Restaurant eröffnen. Das Treppenhaus haben sie mit Hilfe unserer Weihnachtsdeko, Onkel Eckis Weltreise-Mitbringseln und Bierdeckeln aus dem „Dead Rabbit“ in eine kosmopolitsche Afrika-Bar umgewandelt, in der den ganzen Tag „Baker Street“ läuft. Auf Papas besonderen Wunsch hin auch Oscar Peterson, Sun Ra und Rachmaninov.

– Den Mann schicke ich alle zwei Tage mit einer kleinen Challenge zum Einkaufen: „Suche das lustigste Teil bei Aldi!“. Er kommt mit einer pervers aussehenden polnischen Knoblauchwurst wieder.

– Gemeinsames Schränke aufräumen wird zur erfüllenden Abendgestaltung. Kleidung ist seit Corona total überbewertet. Trage seit einer Woche in wirklich ALLEN beruflichen Videokonferenzen den gleichen grünen Pullover, bin gespannt, wann und ob das jemandem auffällt.

– Die psychologische Bedeutung von geöffneten Wertstoffhöfen für die Moral der Nation ist zu keinem Zeitpunkt zu unterschätzen!

– Mein Unternehmen hat von fast 0 auf 100 auf virtuelle Kollaboration umgestellt und damit gefühlt in einer Woche zehn Jahre wettgemacht. Digitale Transformation im Sauseschritt. Die Abteilungen sind ab jetzt virtuelle Teams und irgendwie klamüsern wir uns unsere Aufgaben in täglichen Live-Morgenschaltungen, die man sonst nur aus dem amerikanischen Fernsehen kennt. Wir arbeiten iterativ und adaptiv in MS-Teams zusammen, was alle irgendwie sehr begeistert und zusammenschweißt. Darüber hinaus vermissen schon jetzt viele Kollegen ihre anderen Bürokollegen, was dem dem Sinn von Arbeit auch ohne fancy Purpose neue Bedeutung gibt.

– Durch das kreisende Damoklesschwert des drohenden Netflix-Internet-Banns entdecken die Kinder Papas Filmklassiker auf DVD und finden „Moderne Zeiten“, Buster Keaton und „1,2,3“ total knorke. Sie stampfen mittags zum Säbeltanz auf dem Esstisch herum, während wir Eltern vergnügt die polnische Knoblauchwurst verspeisend „sitzen Machen!“ brüllen. Morgen machen wir weiter mit unserem Bildungsprogramm: „Absurdes Theater“ von Samuel Beckett vorm Taskboard – wo sonst?!

London – ein Reisebericht

Well, auf Reisen überkommt mich bekanntlich die Schreiblust und Doppelwell, in London einmal mehr ganz besonders.

Von Flygskam ist nichts zu spüren, in London, im Sommer. Tausende von Touristen schieben ihre schwitzenden Leiber durch die Metropole. Es ist voll, es ist eng, aber auf sonderbar friedliche Weise gliedern sich alle ein in die dahin fließenden Bewegungsströme der Pedestrians. Kein Gemecker, kein Gestöhne, kein lautes oder harsches Wort. Pedestrians in London sind das Anti-Twitter und genießen Sonderstatus. Unbehelligt von surrenden Vehikeln, die einem in anderen Städten um die Füße brausen, flanieren wir an der Themse entlang und selbst im Naherholungsgebiet in Hampstead Heath sind die meisten und zugleich schönsten Wege für Radfahrer verboten, welch Wohltat! Ab jetzt bin ich German, European and Pedestrian! Dass ich finde, dass „Pedestrian“ irgendwie bisschen versaut klingt, liegt vermutlich an meiner für London gewählten Urlaubslektüre „M“, die ich drei Tage zuvor in der münsterländischen Dorfbuchhandlung mit den Worten „soll ein bisschen schlüpfrig sein“ abholte. „M“ entpuppt sich bereits ab Seite fünf als saftiger Porno, auf dem aber aber brav „Roman“ steht und den Ijoma Mangold neulich im Baden-Badener Lesenswert-Quartett empfahl. Daraus vorlesen durfte er nicht, Gastgeber Dennis Scheck wusste warum.

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Alles so schön grün hier…

“Komm doch zum Business-Festivial”, sagt die Agenturfrau. „Da geht es um Innovation und Digitalisierung. Ich schicke dir eine Einladung. Ganz viel Austausch mit anderen!“ Toll, denke ich, Austausch, immer gut. Es ist heiß in Berlin und ich schlendere auf das Gebäude in der Falckensteinstraße zu. Mehr Kreuzberg geht nicht. Wrangelkiez, direkt an der Oberbaumbrücke. Wo in den 80ern die Alternative Szene tobte, machen sich nun Werbeagenturen breit. So heißen sie aber nicht mehr, sondern User-Centricity oder Experience- oder Innovation-Agencies, oder Digital-Strategy-Experts. Aber eigentlich verkaufen sie sehr großen und sehr bekannten Firmen Werbung, die aber jetzt Vision oder Purpose heißt und sehr kundenzentriert ist. Alles muss jetzt Purpose haben. Ich bin ein großer Freund von Purpose und Visionen, innovativen Ansätzen, von Nachhaltigkeit, philosophischen, athroposophischen Zukunftsfragen und Kundenfokus, mir dämmert aber so langsam das große Geschäft hinter der neuen, digitalen Purpose-Welt.

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