Geschriebenes

Warum zeitgenössische Kunst und Innovation zusammengehören

Neulich berichtete ich hier über die Ausstellung „Strange Days. Memories of the Future“, die derzeit im Store X in London läuft und in der ausschließlich Videoinstallationen zu sehen sind. Wie so oft war ich sehr zufällig in die Ausstellung hineingestolpert, und wie so oft dem ganzen unendlich verfallen! Meinen Bericht kommentierte eine Freundin mit „Bumsende Pornoblumen – danke für den Mindfuck, liebe Ute.“ Seltsam, dachte ich, überall jetzt diese Mindfucks, Hacks, Workhacks, Lifehacks und Nudges. 2018 wird gnadenlos alles gehackt, was nicht niet- und nagelfest ist: Fahrräder, IKEA-Möbel, das Leben an sich, das Brain, die Arbeit, ja selbst die ansonsten recht braven Mitarbeiter von WestLotto hackten eine partiell aufgestellte, hyperrealistische Skulptur, indem sie ein Pudding-Schälchen daneben stellten und um Spenden für das graue, zusammengekauerte Männchen auf dem Stuhl baten. Ich liebe es! Immer schon!

Ein Hack, das ist in der Computersprache sowas wie das verbotene Eindringen in bestehende Systeme, im Real-Life ist das ist sowas wie Revolution auf kleinster Ebene, Revolte im Kleingartenverein, Flugblätter im Kindergarten, selbstgemalte Banner gegen den Irakkrieg aus dem Klassenfenster hängen, Kirschen klauen, Ausweise nachbasteln, Kaninchen auf dem Chefsessel, das sind Happenings und viel Blödsinn machen: Chaos im Streichelzoo! Mensch, was hab ich früher die Welt gehackt, meine Lehrer hat es wahnsinnig gemacht, toll!

Vor ein paar Wochen sahen mein Mann und ich eine Dokumentation über das 24-Stunden-Happening in der Galerie Parnass in Wuppertal aus dem Jahr 1965. Eine wirklich bizarre Fluxus-Performance, in der sich der Künstler Wolf Vostell mit ganz viel rohem Fleisch und Mehl einrieb, Nam June Paik sonambul auf einem alten Klavier herumhämmerte, ein fettverschmierter Joseph Beuys auf Socken herumschlich und Bazon Brock einen demonstrativen Kopfstand vollführte. In weiteren Rollen: Heinz Mack, Günther Uecker und Sigmar Polke. Der Sprecher kommentierte alles mit einer Mischung aus Sarkasmus, Ekel und Abscheu. Hätte er geahnt, dass alle Künstler später zu Weltstars würden, er hätte womöglich anders geurteilt. Jedenfalls tummelten sich in der Galerie 24 Stunden lang eine Menge junger Leute und ich dachte mir: Warum macht das heute eigentlich keiner mehr? Happenings? Warum ist selbst die Kunst so langweilig geworden? Organisiert, strukturiert, gesponsert von Unternehmensberatungen und Energiekonzernen? Ja gewiss, der Banksy, geschreddert, hach was witzig! Ich fand’s bisschen billig, nicht mal camp, sorry Banksy! Ich weiß nicht, wann mich eine Ausstellung das letzte Mal so richtig gemindfucked hat. Nan Goldin vielleicht, 2010 in der Berlinischen Galerie, ja, das war ein Fest für die Seele. Und Juergen Teller 2018 mit „Enjoy your life“ im Gropius-Bau, aber eigentlich auch nur wegen der famosen Charlotte Rampling und Tellers eigener, videographierter Ausstellungsdurchquerung als Vollhonk mit Plastiktüte am Arm: „Ist doch alles Scheiße!“ Genialer Selbst-Hack!

Im Frühjahr bin ich in Madrid ebenfalls gehackt worden, indem zufällig in eine ziemlich surreale Kunstperformance reingeraten war. Mit meinen 40-plus war ich mit Abstand die älteste Besucherin der „La Juan Gallery“. Um mich herum ausschließlich ziemlich junge, ziemlich aufgeschlossene und smarte Menschen, die interessiert und belustigt den skurrilen Stationen des Happenings folgten. Es war schlicht großartig! Authentisch, intensiv, bewegend, witzig und selbstironisch. Mein erstes mal! Mehr davon! „Mehr, mehr!“, sprach die kleine Hämelmann. Das ist wirklich gut! Das müsste zum Bildungskanon gehören. Happenings und Performances besuchen oder gleich selber machen, mindestens zwei pro Leben pro Bundesbürger. Raus aus den Schicki-Micki-Oma-Opa-Kunstmuseen, rein in Galerien und Off-Spaces. Da fällt mir ein, was ist eigentlich aus den Flashmobs der Nuller geworden?

Aber zurück zur Symbiose von Kunst und Innovation. Bevor der Axel-Springer-Konzern seine jungen Start-Up-Gründer in den hauseigenen Accelerator hat einziehen lassen, jagten sie erstmal den Künstler Clemens von Wedel durch das angeranzte Großraumbüro, der die Wände mit markigen Jonathan-Meese-mäßigen Sprüchen wie „The German Butcher who fucked the Präsident“ oder „Graf Teppich zu Luder, Auslegeware kennen keine Lieder“ versah. Ich war drin, es sah ziemlich rotten aus, jedenfalls alles andere als gemütlich und stilvoll. Außerdem haben die bei Springers immer einen jungen „Artist in Residence“ am Start, der mit Performances die fleißigen Acceleratorpeople ordentlich in Schwung bringen soll. Warum aber präsidentenfickende Schlachter beim sonst so konservativen Axel an den Wänden? Weil es hier um Innovation geht, um Rocket-Science, Einhörner und „crazy moonshot projects“, wie google CEO Eric Schmidt sie nennt. Und das ist echt eine irre Herausforderung, selbst für google! Das geht irgendwie nicht mehr mit Posterdrucken von Rosita Wachtmeister und Keith Harring an den Bürowänden.

Gefälligkeit sucks! Bei Innovation geht’s um Neugierde, um’s sich gegenseitige Anstacheln, um permanentes Hinterfragen von allem, um verändertes Denken, eine andere Wahrnehmung, ein neues Mindset, Selbstreflektion und der Wille zur dauerhaften Veränderung. Nur so schafft man hochperformante Unternehmen, sagt zumindest Changepapst John P. Kotter. Also: Immer schön in Bewegung bleiben. Bloß nicht sesselfurzen! Aber warum zum Teufel sich jetzt plötzlich so stressen lassen? Post-Its, Stand-Ups, Hacks, Scrum, Kanban, Kunsthacks und der Heckmeck? Funktioniert doch alles supi! Wirklich? In den USA liegt die durchschnittliche Lebensdauer von Unternehmen inzwischen bei nur noch zehn Jahren und die digitale Transformation wird mit großer Wahrscheinlichkeit 40% der Fortune-500-Unternehmen in den nächsten zehn Jahren auslöschen. Vermutlich deshalb irgendwie.

Um zu überleben, pardon, innovativ zu sein, sollte man sich bisschen Feuer unterm Hintern machen. Für viele traditionelle Unternehmen ist eine Scrum-Reflektion oder Holokratie ja schon sowas wie ein Punk-Happening. Als digitales Unternehmen gilt es, sich permanent weiterzuentwickeln: „Do or die!“ Innovation ist Revolution. Innovation denkt radikal, weird und stellt Althergebrachtes auf den Kopf. Ich liebe es! Hacks und Mindfucks schienen mich immer schon magisch anzuziehen, inzwischen weiß ich warum: Keep on rolling. Strange Days, Artporn, Fat Sculptures, Subkultur helfen mir, in Bewegung zu bleiben. Früher nannte man das Avantgarde, heute Mindfucks, Hacks, Hits, Bugs, Teaser, Tricks, Nudges, Tweaks, was auch immer. Anyway, nutzt es oder lasst es bleiben.

 

ENGLISH VERSION:

Why contemporary art and innovation belong together

Recently I reported about the exhibition „Strange Days. Memories of the Future“, which is currently running at Store X in London and exclusively features video installations. As so often, I had stumbled into the exhibition by chance, and as so often, I was endlessly addicted to the whole thing! My report was commented by a friend with „fucking porn flowers – thanks for the mindfuck, dear Ute“. Strange, I thought, everywhere now these Mindfucks, Hacks, Workhacks, Lifehacks and Nudges. In 2018, everything that isn’t nailed down is mercilessly hacked: bicycles, IKEA furniture, life itself, the brain, the work, even the otherwise quite good employees of WestLotto hacked a partially erected, hyperrealistic sculpture by placing a pudding bowl next to it and asking for donations for the grey, crouched man on the chair. I love it! Always a hack, that’s what it is!

A hack, in computer language this is something like the forbidden intrusion into existing systems, in real life this is something like revolution on the smallest level, revolt in the allotment garden club, leaflets in kindergarten, self-painted banners against the Iraq war hanging out of the class window, stealing cherries, making passports, rabbits on the executive chair, these are happenings and a lot of nonsense: Chaos in the petting zoo! Man, what I used to hack the world, my teachers went crazy, great!

A few weeks ago my husband and I saw a documentary about the 24-hour appetiser at the Galerie Parnass in Wuppertal in 1965, a really bizarre Fluxus performance in which the artist Wolf Vostell rubbed himself with a lot of raw meat and flour, Nam June Paik hammered sonambulously on an old piano, a greasy Joseph Beuys sneaked around on socks and Bazon Brock performed a demonstrative headstand. In further roles: Heinz Mack and Sigmar Polke. The speaker commented everything with a mixture of sarcasm, disgust and disgust. Had he suspected that all artists would later become world stars, he might have judged differently. Anyway, there were a lot of young people romping around in the gallery for 24 hours and I thought to myself: Why doesn’t anyone do that anymore? Happenings? Why has even art become so boring? Organized, structured, sponsored by management consultants and energy companies? Yes, of course, the Banksy, shredded, something funny! I found it a bit cheap, not even camp, sorry Banksy! I don’t know when the last time an exhibition really fucked me up. Nan Goldin perhaps, 2010 at the Berlinische Galerie, yes, that was a celebration for the soul. And Juergen Teller 2018 with „Enjoy your life“ in the Gropius-Bau, but actually only because of the famous Charlotte Rampling and Teller’s own videographed exhibition crossing as a full honk with a plastic bag on his arm: „It’s all bullshit! Ingenious self-hack!

In spring, I was also hacked in Madrid, where I happened to get into a rather surreal art performance. With my 40-plus I was by far the oldest visitor of the „La Juan Gallery“. All around me there were only quite young, quite open-minded and smart people who followed the bizarre stages of the happening with interest and amusement. It was simply great! Authentic, intense, moving, funny and self-ironic. My first time! More of it! „More, more“, said the little haemelmann. That is really good! That should belong to the educational canon. Visit happenings and performances or do them yourself, at least two per life per German citizen. Get out of the trendy micki grandma grandpa art museums, into galleries and off-spaces. That reminds me, what actually happened to the flash mobs of the zeroes?

But back to the symbiosis of art and innovation. Before the Axel-Springer group had its young start-up founders move into the company’s own accelerator, they chased the artist Clemens von Wedel through the open-plan office, which was decorated with pithy Jonathan Meese sayings like „The German Butcher who fucked the President“ or „Graf Teppich zu Luder, Auslegeware kennen keine Lieder“. I was inside, it looked pretty rotten, anything but cosy and stylish. Furthermore, Springers always have a young „Artist in Residence“ at the start, who is supposed to get the busy Acceleratorpeople going with performances. But why president-fucking butchers with the otherwise so conservative Axel on the walls? Because this is about innovation, about rocket science, unicorns and „crazy moonshot projects“, as Google CEO Eric Schmidt calls them. And this is really a crazy challenge, even for google! Somehow this is no longer possible with poster prints by Rosita Wachtmeister and Keith Harring.

Favor sucks! Innovation is about curiosity, about mutual stimulation, about permanent questioning of everything, about changed thinking, a different perception, a new mindset, self-reflection and the will for permanent change. This is the only way to create high-performance companies, says change pope John P. Kotter. So: Always stay on the move. Just don’t fart in your chair! But why the hell do you suddenly let yourself be so stressed? Post-Its, Stand-Ups, Hacks, Scrum, Kanban, Kunsthacks and the Heckmeck? Does everything work supi! Really? In the USA, the average lifespan of companies is now only ten years, and digital transformation is very likely to wipe out 40% of Fortune 500 companies in the next ten years. Probably because of that somehow.

In order to survive, pardon, be innovative, you should make a little fire up your butt. For many traditional companies, a scratch reflection or holocracy is something like a punk happening. As a digital company, you have to constantly develop yourself further: „Do or die! Innovation is revolution. Innovation thinks radically, weaves and turns traditional things upside down. I love it! Hacks and Mindfucks always seemed to attract me magically, now I know why: Keep on rolling. Strange Days, Artporn, Fat Sculptures, Subculture help me to stay in motion. In the past they called it avant-garde, today they call it mindfucks, hacks, hits, bugs, teasers, tricks, nudges, tweaks, whatever. Anyway, use it or let it stay.

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