Urlaubskolumne

Essays, Kolumnen

Ich arbeite ja beim Lotto. Das sagt man wirklich so: Beim Lotto! Warum weiß ich nicht, aber ich habe das inzwischen übernommen. Seit zwanzig Jahren arbeite ich da schon, beim Lotto. In ganz unterschiedlichen Funktionen. Jedenfalls wird man in so einem Job häufiger mit dem Gedanken konfrontiert: Was wäre, wenn du 90 Millionen Euro gewönnest. Man wird übrigens auch oft mit den Konjunktiv konfrontiert, beim Lotto.

Aber zurück zum Thema: Ja was eigentlich? Was wäre the place to be, the place to die?

Sicherlich nicht die Doppelhaushälfte in Datteln mit dem mit Ziegelsteinen aufgebocktem Schreibtisch, die ein mehrfacher Müll Milliardär immer noch bewohnt – so munkelt man zumindest. Aber man will ja auf der anderen Seite nicht so ein aufgesetzt neureiches Leben führen und wie Paulchen Protz mit seinem Ferrari-Sound (der übrigens ganz geil ist, der Sound) und den neuesten Camp David Pullundern oder anderweitigen Markenklamotten aus Kaschmir alle Leute im Dorf nerven. Oh heiliger Schreck! Nein! Dann lieber normal bleiben.

Mondän müsste es sein und dabei lässig. Interessant und abwechslungsreich, aber nicht stressig. Geistreich, aber nicht krampfhaft intellektuell, kosmopolitisch, aber ohne andauernd durch die Welt flitzen zu müssen, dazu ein bisschen frische Luft, Kontemplation, Ästhetik, sehr gutes Essen, Kunst und Sport und oft unterhaltsame Leute zu Besuch. Denn was will man mit viel Pinkepinke, wenn man einsam ist? So einsame Hütten am Ende der Welt braucht kein Mensch! Kurzum, die Leute müssten zu einem selber kommen, weil es da toll ist, wo man ist, ohne dass es nervig wird.

Und Kunst müsste sich idealer Weise beiläufig ergeben, also einfach da sein. Quasi als Ausdruck von Kultur und Zivilisation, überhaupt von menschlichem Gestaltungswillen hin zum Schönen! Egal in welches umliegende Städtchen man auch führe, die Kunst sagt: Ich bin schon da – und zwar seit hunderten von Jahren!

Heute habe ich es gefunden. Ein Plätzchen, an dem man es aushalten könnte! Wir spazierten mit der Familie durch das Örtchen Sirmione am Gardasee und da fiel uns ein verwunscher Garten auf, der aussah wie ein Filmset aus einem Agatha Christie Film. Bette Davis kam leider nicht die Treppe hinab, dafür aber kam ein Schild, auf dem stand: Villa Cortine Palace Grand Hotel. Dann kam eine Art Grotte, eine der verschiedenen Außenterrassen des Hotels, allesamt mit spektakulärem Seeblick. Diese war pagodenartig, pflanzenüberwuchert, mit einem kleinen Wandbrunnen, romantisch am See gelegen und ein zum Hotel gehörender Steg mit weißen Liegen schloss sich an. Oh heiliger Antonius von Padua, Paradies gefunden!

Wir haben das natürlich stante pedes gegoogelt, während die Kinder stöhnend und mampfend mit ihren pervers großen Rieseneistüten (Signature Essen in Sirmione) kämpften. Dieses in wirklich allem überwältigend opulente Hotel sieht aus wie ein arkadisches Tempelchen und liegt völlig versteckt auf einem der höchsten Punkte der pittoresken mit Olivenbäumen, Zypressen und Zedern geschmückten Halbinsel. Touristen ist der Zugang zum Hotel selbstverständlich untersagt. Aber das beste sahen wir dann: Die Callas hatte ihr Domizil direkt gegenüber des schweren eisernen Eingangs-Tores! Und zwar am Ende der Straße, am Ende der bewohnten Areale, dahinter nur noch Olivenhaine.

Und da wird es natürlich interessant für einen potenziellen Lottogewinner wie mich. Denn die Bar in dem Hotel en face war quasi das zweite Wohnzimmer der Callas (sie heißt inzwischen auch praktischer Weise Maria Callas Bar) und da dachte ich: Hei, so ein Szenario ist ja wie geschaffen pour moi! Einfach mit den sauteuren Mailänder Stöckelschühchen über die Straße stolpern und schon sitzt du mitten im kosmopolitischsten Flair und haust dir stilvoll die Hucke voll, um dich dann, nach stilvollen Gesprächen, Getränken und Gerichten, in einem ebenso stilvollen Ambiente, wieder vier Meter über die Straße nach Hause chauffieren zu lassen und ins eigene Bett zu plumpsen. Toll!

Über die sportlichen Möglichkeiten in dieser Region muss man keine allzu großen Worte verlieren. Ich hätte mein Segelboot am hauseigenen Steg und eine Partie Tennis gehörte zu meinen täglichen Pläsierchen wie geeister Espresso, selbstgemachte Zitronenlimonade und ein Americano zum Frühstück. Ich würde jeden Morgen mit meinem Bademantel die Treppen zum See hinuntergleiten, den Mantel abstreifen und nackt die Felsen umrunden, einen exklusiven Blick auf die römischen Ruinen werfen und fröhlich wieder zurück paddeln. Sehnte ich mich nach Stille und Einkehr von dem mondänen Leben und dem ganzen intellektuellen Lifestyle meiner Bar-Bekanntschaften, so suchte ich das entzückende tausend Jahre alte Kirchlein San Piedro in Mavino auf, das nur fünf Minuten Fußweg von meinem Anwesen entfernt liegt. Und dort würde ich mich in die Fresken versenken, kitschige Heiligenbildchen für 20 Cent kaufen und meinen Freunden schicken, wie es mein Onkel Josef schon immer getan hat. So kindliche Fimmel bleiben einfach, egal wie reich man ist.

Aber das beste, was einem Lottomillionär widerfahren kann: Auf der gesamten Halbinsel herrscht Radfahrverbot! Keine Deutschen, die mit ihren übergepimpten und neureichen E-Bikes ihre Überlegenheit zur Schau stellen. Hab ich schon gesagt, wie ätzend ich das finde? Ich weiß gar nicht warum, vielleicht wegen dieser Paulchen Protz Aversion. Diese teutonischen E-Biker in ihren protzig-perfekten E-Biker-Kluften sind mir ein Graus. Wie dem auch sei: Spielt mehr Lotto, irgendwofür wird es einen Sinn ergeben – und sei es für die Subventionen dieser Urlaubskolumne, oder dass ihr irgendwann mal, wie die Callas, eine Bar habt, die nach euch benannt wird. Leute, man muss einen Purpose Im Leben haben, sagt schon Viktor Frankl – recht hat er!

Geschrieben in der Bar Milleluci in Peschiera del Garda, 12.10.2021

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