Wiener Notizen

Columns, Kolumnen

Wien könnte eine schöne Stadt sein, liefe nicht die ganze Zeit meine Mutter neben mir her (wir sind wegen Erbangelegenheiten hier). Sie quasselt in einem fort. Ich wusste nicht, dass Menschen so viel reden können! Wir laufen die Bankgasse hinunter zum Burgtheater, dafür habe ich kurz vorm Abflug noch Tickets besorgt. In der Gasse interessiere ich mich für ein unbenanntes, aber hoch dekoriertes Lokal, an dem wir vorbei huschen. „Mensch, ist das sauber hier! Guck mal, diese Straße, wie machen die das nur? Warum ist das bei uns in Senden nicht so sauber?“ Alles, was meine Mutter sieht, reduziert sie blitzschnell auf ihre Welt. Und ihre Welt ist in erster Linie das westfälische Örtchen, in dem sie lebt – eigentlich in einziger Linie.

In der Burg geben sie das Stück „Die Ärztin“ frei nach Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi. Es geht um die Zeitgeistthemen: Cancel Culture, Identitätspolitik, Wokeness. Meine Mutter kennt nichts von alldem. Aber was sie kennt: Alte weiße Männer und Machtmissbrauch. „Das ist ja wie bei uns im Kirchenvorstand!“ Sie ist total begeistert, dass die hier in Wien jetzt Kirchenvorstandssitzungen auf der Bühne spielen und verfolgt das Stück gebannt.

Ich habe ihr verboten, während der Aufführung zu sprechen. Meine Mutter verhält sich im Theater wie ein Kleinkind. Neulich fragte sie im Volkstheater mitten in die Stille hinein, wie lang das Stück denn noch dauere und man würde ja eh nix kapieren. „Oder kapierst du das?“ Es war zugegebenermaßen ein radikal- feministischen Off-Theater-Stück, in das ich sie mitgeschleift hatte, in dem zwei Dutzend österreichische Promimänner (also als solche gelesene) in Videoballerspielmanier abgeknallt wurden. Trotzdem musste ich ihr zuzischeln, sie solle bitte gefälligst ihren Mund halten. Tat sie dann auch, aber sie stöhnte stattdessen sehr demostrativ die letzte Viertelstunde lang – alle zwanzig Sekunden.

Bei der Ärztin, ruft sie jetzt öfter spontan: „Ganz genau“, „sehr richtig“ und „die stecken alle unter einer Decke“ in den Raum, wenn die Hauptdarstellerin Sophie von Kessel die Machtspiele ihrer Kollegen kritisiert. Sie hat sich natürlich sofort mit der Ärztin identifiziert, am liebsten würde sie stante pedes einen Leserbrief für die Ärztin schreiben.

In der Pause freut sie sich schon auf die Auflösung, denn schließlich muss am Ende ja einer Recht haben. Ich sage ihr, dass es ja genau darum geht beim Canceln, nämlich um die Macht, Recht haben zu wollen – und die beanspruchen alle Gruppen für sich, deshalb sei es ja so kompliziert. Sie sagt kurz „ah“ und stolpert zu ihrem Platz zurück.

„Und bestimmt ist der Priester der Vater von dem Kind der Ärztin“, orakelt sie, bevor das Licht im Saal gedimmt wird. „Die ist lesbisch und hat kein Kind, das ist nur eine Nachbarin.“ „Haben die das gesagt? Das glaube ich nicht! Warten wir es ab, warten wir ab, wer Recht hat.“ Das Stück bleibt ohne Lösung, was zu erwarten war und der Priester hatte keinen Sex mit der lesbischen Ärztin (was meine Mutter dennoch unlogisch findet). Mutter fand es trotzdem toll, allein der tollen Plätze wegen schon und weil sie Recht hatte, dass das mit dem Burgtheater doch eine tolle Idee von ihr war.

Ich gebe ihr Recht. Ich bin ja ihre Tochter und habe gelernt, dass man alte weiße Mütter so wenig wie möglich canceln sollte, sie werden dann nur zornig. Zornig war ich in einem Kindertheaterstück übrigens auch einmal. Da bin ich als Dreikäsehoch einfach auf meinen Stuhl geklettert und habe über alle Köpfe hinweg machtvoll in Richtung Bühne gebrüllt: „Steck ihm den Finger in den Arsch!“ Meine Mutter kann also nichts für ihr Verhalten, sie wurde so sozialisiert.

(geschrieben in kleinen Cafe, Franziskanerplatz in Wien)

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