
Buh!
Performance


(Ein Dramolett)
Sage mir, guter Freund,
was muss ich sein,
dass man mir zutraut,
dass ich selber nicht wüsste,
welch‘ Fehler ich hätt‘?
Dass man wahrhaft glaubt,
dass ich selber nicht wüsste,
welch Wille mich bewegt?
Allein das Urteil
fällen die anderen.
Als ob ES so einfach wäre!
Als ob ICH so einfach wäre!
Lasst euch das eine sagen:
ihr irrt komplett!
Ende vom Dramolett!
Ich arbeite ja beim Lotto. Das sagt man wirklich so: Beim Lotto! Warum weiß ich nicht, aber ich habe das inzwischen übernommen. Seit zwanzig Jahren arbeite ich da schon, beim Lotto. In ganz unterschiedlichen Funktionen. Jedenfalls wird man in so einem Job häufiger mit dem Gedanken konfrontiert: Was wäre, wenn du 90 Millionen Euro gewönnest.
Ja was eigentlich? Was wäre the place to be, the place to die?
Ich mache mir nichts vor, ich bin Mitte vierzig und werde grumpy. Es führt auch kein Weg daran vorbei. Bei mir in der Familie hatten wir viele grumpy people. Eigentlich waren wir Grumpy-Family. Meine beiden Tanten, Sissi und Toni, lebten zusammen, nachdem ihre Männer im Krieg gefallen waren, und sie waren ein Ausbund an Grumpiness. Grumpy in olympischem Ausmaß! Ich glaube, ihre Gesichtsmuskeln waren irgendwann so konditioniert, sie hätten nicht mal mehr lächeln können, selbst wenn sie gewollt hätten. Sie zupften den ganzen Tag Unkraut in ihrem riesigen Gemüsegarten und schimpften dabei leise murmelnd vor sich hin. Mein Opa väterlicherseits war auch sehr grumpy. Er saß immer auf dem roten Sofa in der Küche, guckte durch seine dicke schwarze Brille grumpy in die Welt und rauchte dabei Zigarre. An mehr erinnere ich mich nicht, wirklich! Oder er saß an der Theke in der Hansa Stube, da war er vielleicht fröhlich, aber das weiß ich nicht.
Ich erfuhr irgendwann später, dass er beim Finanzamt gearbeitet hat, obwohl er eine Karriere als Unternehmenschef oder Organist hätte machen können, aber dann gäbe es mich wohl nicht. Tja, man kann nicht alles haben. Seine Frau, meine Oma Grete, auch ein ziemlich grumpiger Fall, außer wenn sie klassische Musik hörte, da summte sie fröhlich. Und der Onkel, Bruder meines Vaters, auch. Unsere Familienfeste, hei, da war was los, ich sage es euch! Neulich erfuhr ich, dass der besagte Onkel früher mal eine sehr intensive Beziehung zu einem Jungen hatte und in der Zeit sehr glücklich war. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, der glückliche Onkel, einfach weil es so abwegig war. Man, sieht, Grumpiness ist in unserer Familie genetisch bedingt und damit auch für mich unausweichlich.
Trotzdem arbeite ich natürlich dagegen an! Ich stelle mich morgens vor den Spiegel und mache zum Beispiel Lächeln-Übungen. Embodiment heißt das. Das habe ich neulich in einem TED-Talk gehört, das hilft: Mache eine Power-Pose und du wirst zur Power-Frau! Stell dich breitbeinig hin oder setz dich breitbeinig hin, nimm die Arme hoch, zeige deine Mukkis, mache ein breites Kreuz und du wirst zum Gewinnertyp! Also mache ich ganz viele Power-Posen und Lächeln-Posen und Arm-Hoch-Posten vor dem Spiegel und fühl mich super – zumindest für die nächste Stunde.
Gestern hat unser Jüngster seine Kumpels mit nach Hause gebracht. Theo und Ibo, Ibrahim. Ibo ist mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Da war er vier. Er hat sechs Geschwister, sein leiblicher Vater ist im Krieg gefallen. Nun ist dieses Kind so dermaßen freundlich und fröhlich, dass es mich regelrecht umgehauen hat! Wirklich. Ich kenne kein freundlicheres Kind. Auch die Mutter von Theo ist ganz begeistert. Mir war schon in der Schule aufgefallen, dass er mich sofort wahrnahm, wenn ich ein vergessenes Pausebrot oder einen Turnbeutel anschleppte und mir immer sofort sagen konnte, wo sich mein Sohn befand. Ich liebe aufmerksame und umsichtige Menschen!
Tja, was soll ich sagen, die Fröhlichkeit und Freundlichkeit dieses Kindes ist direkt mimikrymäßig auf mich übergeschwappt. Und ich übe mich jetzt in Ibo-Freundlichkeit. Das ist ja das gute an der Biologie, man kann den Genen ein Schnippchen schlagen, nämlich durch Anpassung. Man kann sich im Grunde prima selber evolutionieren. Mache ich jetzt. Jeden Tag ein bisschen. Ibo-Co-Evolution. Survival of the friendliest. Grumpiness go home!



Windräder rattern.
Ein Zug, der rollt.
Bäume, die flattern.
Wolkendecke streckenlang.
Wir erreichen Berlin.
Spandau genau.
Frag nicht, wohin die Gedanken ziehn‘.
Unerfülltes Begehren,
dieses und jedes mal.
Schön!
Wer die Moral gefressen hat,
hei, der hat’s gut.
Den Bauch voller Werte,
und Gutsein im Blut.
Die Leber, die badet gründlich darin,
sittsame Ordnung, bis unter’s Kinn.
Das Hirn denkt stark und überlegen,
allein die Lust hat was dagegen.
(eine Zugkolumne oder Lob der Streckensperrung)
Neulich sah ich diesen berühmten Filmausschnitt über lebensmüde Pinguine. Er heißt “Nihilist Penguin” und ist aus dem Film “Begegnungen am Ende der Welt” von Werner Herzog. Für diese Dokumentation ist der Filmemacher eigens mit seinem Kameramann in die Antarktis gereist und beobachtet dort nun eine riesige Pinguinkolonie. Tausende von Pinguinen, so weit das Auge reicht, überall auf der weißen Schneelandschaft kleine schwarze Punkte. Als er einen Pinguinforscher interviewt, sagt dieser, es gäbe immer ein paar Pinguine, die einfach ausscheren. Die nicht mit der Masse schwimmen. Alle anderen tausend rennen zum Meer. Diese nicht. Die rennen genau in die andere Richtung. Ins Landesinnere. Die widersetzen sich dem natürlichen Trieb, zu schwimmen, im Meer Nahrung zu jagen, sich zu paaren, eine Familie zu gründen, einen Bausparvertrag abzuschließen und so weiter – kennt man ja. Die wandern lieber aus und flüchten sich in die Leere der weiten fischlosen Schneelandschaft.
Irgendwas in denen sagt: Ich mach da nicht mit! Ich steig aus. Fuck you Pinguin-Konvention. Vielleicht sind das Vegetarier, oder Veganer, Aquaphobiker, oder doch von einer unstillbaren Todessehnsucht getriebene Thanatos-Pinguine, oder ist es etwas ganz anderes? Jedenfalls ist da nix zu machen mit diesen ollen Querköppen. Der Pinguinforscher sagt, dass man die immer wieder in die Kolonie zurücksetzen könne oder einfach ins Wasser schmeißen, die gingen trotzdem wieder ins Innere des Kontinents. Als sei das so eine Art innerer Zwang. Und man solle sich denen bloß nicht in den Weg stellen! Ich finde das toll. In ihrer unbeirrbaren Sturheit könnten das glatt westfälische Pinguine sein. Und er sieht wirklich wahnsinnig romantisch aus, der einsame Pinguin, wie ein Eremit in der Wüste.
Ich gehe zur Arbeit.
Den immergleichen Weg.
Seit zwanzig Jahren schon.
Nehme den immergleichen Bus.
Mein Bussitznachbar,
dessen Namen ich nicht kenne,
ist irgendwann tot.
Jetzt fahre ich mit einem anderen Mann.
Er segelt um die Welt.
Erzählt von Schäkeln und den Antillen.
Ich gehe zur Arbeit.
Den immergleichen Weg.
Seit zwanzig Jahren schon.
Ein Blatt fällt vom Baum,
fünf
Zigarettenstummel auf
dem Gehweg vor
mir an
der Bushaltestelle,
tse,
heut’ ist aber auch alles anders!

Schmerzesleid.
Herzensweit.
Ungescheit.
Ich weiß.
Pinky Natterton
(Wuthering Heights, 1921)




Okay, weil ihr es seid, hier kommt mein fancy Wochenrückblick:
Montag: Home Office, Kinder, Pfannkuchen
Dienstag: Home Office, Kinder, Kartoffelsuppe
Mittwoch: Home Office, Kinder, Pizza
Donnerstag: Home Office, Kinder, Spinat mit Fischstäbchen
Freitag: Home Office, Kinder, Nudeln mit Tomatensauce
Diese tollen Outfits habe ich am Freitag anprobiert. Danke am das Team vom @titus Outlet für die Ausstattung meines Wochenrückblicks. No Sponsoring.
Okay, because it’s you guys, here comes my fancy weekly review:
Monday: Home Office, Kids, Pancakes
Tuesday: Home office, kids, potato soup
Wednesday: Home Office, Kids, Pizza
Thursday: Home Office, kids, spinach with fish sticks
Friday: Home Office, kids, pasta with tomato sauce
I tried on these great outfits on Friday. Thanks to the team at @titus Outlet for outfitting my weekly review. No Sponsorship.

Wachliegen
auf einsamer Ebene.
Vertstreckter Nacken.
Zweckloses Dasein
im Dunkelraum.
Zwischen zwei und halb drei.
Zischendes Rauschen,
schnaufendes Brausen,
Gedankenkopfsausen.
Knarzig schmerzendes Hitzeklopfen:
poch, poch, poch, poch, pause, poch!
Versprechen an mich:
Morgen endlich
den Klempner anrufen!
Was wird mein letzter Gedanke sein?
Ein Lied vielleicht?
Ein Kuss?
Ein Moment vielleicht?
Ein Genuss?
Was wird mein letzter Gedanke sein,
aus all‘ dem Vielen, Lieben, Schönen, Rechten,
dem Bösen, Schweren, schmerzvoll Schlechten?
So viele Blicke,
so viele Glücke,
kleine und große,
Knödel mit Soße.
Trotz eines respektablen Kontingents an Freikarten, blieben viele Plätze unbesetzt bei der ersten Gorillalesung auf großer Bühne. Vielleicht hätte es ein ironisch gebrochener Titel getan oder Sekt und Handschnittchen als kostenlose Dreingabe.
Despite a respectable contingent of free tickets, many seats remained unoccupied at the first gorilla reading on a big stage. Perhaps an ironically broken title would have done the trick, or champagne and hand cutlets as a free bonus.








Wüten.
Toben.
Wüten.
Toben.
Wüten.
Toben.
Frieden.
Lieben.
Ende.
Punkt.
Ute Hamelmann